Zeit zu rufen

Der Wald, der mich ruft und lockt

Am Morgen beim Yoga sehe ich vor meinem inneren Auge einen geliebten Platz im Wald, der mich ruft und lockt. So streife ich einmal mehr in meinem warmen Mantel, mit heissem Tee und meinem Medizinbeutel im Rucksack, durch den winterlichen Wald.

Sobald ich die Schwelle überschritten habe und in den Wald eintauche, verändert sich meine Wahrnehmung, und die Realität vermischt sich mit der nicht alltäglichen Wirklichkeit. Auf meiner Schulter sitzt der alte, weise Rabe und vor mir her hoppelt die sanfte, vorsichtige Häsin. Ich sehe ihre grossen, seidigen Löffelohren, die aufmerksam in den Wald lauschen. Die kalte, feuchte Luft riecht nach Erde, Laub, nassem Holz und Schnee, tief atme ich sie ein.

Meine Füsse lenken mich zielsicher auf die richtigen Wege. Meine Sinne sind geschärft, ich spüre, wie das Blut durch meinen Körper pulsiert. Meine Ohren sind gespitzt, ich höre den Specht klopfen auf der Suche nach Nahrung, höre die trockenen Blätter rascheln, den Wind säuseln, höre, wie der Wald lebt und atmet.

In diesem Moment des „Daseins“ spüre ich intensiv die Anwesenheit der Naturwesen, die hier ihren Lebensraum haben. Mein Herz öffnet und füllt sich, Glücksgefühle durchströmen mich von Kopf bis Fuss. Ein Bussard taucht lautlos und geisterhaft zwischen den Bäumen auf, fliegt vor mir her und verschwindet im Dickicht der Äste.

Der Platz hat sich verändert, lange bin ich nicht mehr hier gewesen. Ich lehne meinen Rucksack an einen Baum, gehe singend umher und begrüsse die Wesen des Ortes. Nach dem Räuchern konzentriere ich mich lange auf das Feuermachen. Das Holz ist feucht, doch irgendwann knistert, knackt und zischt es. Lustig züngeln die Flammen tanzend gegen den Himmel, das erste Feuer im neuen Jahr!

Den dampfenden Tee in den Händen haltend sitze ich auf einem umgedrehten Holzstamm und schaue in die Weite. Die Natur zeigt sich mir im winterlichen Kleid, Schnee liegt auf fernen Hügeln, das kleine Volk hält sich tief in seinen geschützten Höhlen auf und ich spüre, dass es noch eine Weile so bleiben wird.

Ein böiger Wind kommt auf, die kahlen Äste schlagen aneinander, ein grosser Tanz beginnt, untermalt mit Orchestermusik. Das Spektakel ist so schnell vorbei, wie es begonnen hat und Ruhe kehrt ein.

Wie wird das neue Jahr wohl werden? Wird es einen wilden Tanz geben? Wird Ruhe einkehren, damit etwas Neues daraus wachsen kann?

Für die Antworten auf meine Fragen ist es jetzt noch zu früh, doch ich erahne etwas Tiefes in mir, das darauf wartet, gerufen zu werden. Die Zeit zu rufen ist nah, denn Tag für Tag lichtet sich die Dunkelheit und Wünsche, Träume, Visionen zeigen sich immer deutlicher und klarer.

Das lichte Grau des Tages verblasst zunehmend und die Dämmerung schleicht heran. Ich breche langsam auf, spreche ein Gebet des Dankes und verstreue Tabak für die Spirits. Im Schutz des Waldes begebe ich mich auf den Weg nach Hause, und inmitten grosser, hochaufragender Tannen vernehme ich das zaghafte Lied eines Vogels.

Text: Barbara Fehlmann
Foto: Thomas Griesbeck Unsplash

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Gudula

    Die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen – was für eine Kraft!

  2. Karin

    Hey, ihr Wunderbaren 6 Frauen,
    ich bin heute auf der Suche nach einer Trommelgruppe auf euch gestossen, eure Seite, eure Bilder, eure Worte – und bin verzaubert.
    Es strömt mir viel Liebe, Verbundenheit, Zartheit, Kraft und Wissen entgegen – ich bin tief berührt, dass es euch gibt und wie ihr das online rüberbringt – zauberhaft. unglaublich. bereichern und nährend.
    habt grossen Dank für euer euch zeigen.

    ka