Die Axt im Wald

Vorerst keine Kräuterwanderungen mehr ...

Gerne möchte ich als Kräuterweib mit Hang zum Geomantischen hier mal einiges loswerden. Es hört sich vielleicht für manchen erschreckend an oder sogar beleidigend … aber es muss einfach sein! Auch wenn es mir vielleicht zum Teil keine Freunde macht … sorry – es muss raus.

Seit langer Zeit gebe ich Kräuterwanderungen und habe dabei schon viele und auch schöne Erfahrungen sammeln dürfen. Doch momentan kann ich es nicht mehr. Mein Anliegen war es, mein Wissen, um und über die Natur weiterzugeben. Die Menschen für die Natur mit all ihren Wesen zu begeistern, um diese dann auch zu respektieren. Und überhaupt Natur wahrzunehmen. Somit auch sich wahrzunehmen. Darüber schreibe ich Artikel, gebe Workshops, halte Vorträge und eben auch Wanderungen.

Die Menschen interessieren sich in erster Linie für Pflanzen, die man essen kann oder die medizinisch-volksheilkundlichen Zwecken dienen. Oft kommt dann die Frage: „Was kann denn die Pflanze?“
Mir wurde schnell klar, dass kaum ein Mensch wirklich zuhörte, wenn ich über die Schönheit, Magie oder evolutionären Besonderheiten der Pflanze sprach. Ganz nach dem Motto: Die Pflanze leistet nichts – also ist sie sinn-los bzw. uninteressant … hat eben keine Lobby. Damit kam ich noch klar – nicht jeder hat die gleiche Leidenschaft.

Kam dagegen eine Pflanze des Weges, die offiziell in Apotheken verkauft wird, spitzten sich die Ohren. Das Interesse ist groß und die Pflanze wird vor meinen Augen an Ort und Stelle ausgerissen oder Teile davon abgerissen. Nicht selten höre ich, wie jemand sagt: „Da muss ich morgen noch mal mit dem Körbchen kommen.“
Am nächsten Tag ist dann alles leergeräumt. Und dies, obwohl ich immer darauf hinweise, dass wir in einem Naturschutzgebiet sind oder dass wir außerhalb der Schutzgebiete „achtsam sammeln“, um das Bestehen der Pflanzen zu sichern. Aber einige „naturbewusste Menschen“ kennen hier wohl nichts. Schließlich ist es ja umsonst. Möglichst schnell möglichst viel sammeln, bevor ein anderer kommt. Irgendwo wird es schon wieder nachwachsen.

Auch hatte ich schon Pilze vorgestellt, die bestimmt schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Kaum hatte ich mich umgedreht, hörte ich, wie es im Unterholz krachte und schnaufte. Gewaltsam wurde mit dem Fuß so lange gegen einen dieser Pilze getreten, bis er abbrach – den Pilz stolz als Trophäe in die Luft gestreckt: „Endlich hab ich auch mal so einen.“ Und ich halb ohnmächtig vor Wut und Traurigkeit über dieses aggressive Vergehen, eine Elfentreppe im Naturschutzgebiet mutwillig zerstört zu haben. Ein Stich in mein Herz und ein nicht-hörbares Raunen, das sich durch den ganzen Wald zog.

Gezeigte Schwammerl werden hinter meinem Rücken alle abgerissen, Giftpflanzen zertrampelt, damit kein Kind oder Hund sich was antut … es wird versucht, Baldrian am Strung samt Wurzeln aus der Erde zu ziehen, um dann die stattliche Pflanze abzureißen und mit einem „egal“ die Blattwedel achtlos auf den Boden zu werfen.
Das schmerzt mich alles! Macht mich schwach. Mir ist bewusst, dass diese Personen es gewiss nicht wirklich böse meinen – es ist einfach Unachtsamkeit.

Jede Pflanze hat ihre Daseinsberechtigung – genauso wie wir Menschen. Jemand, der nicht produktiv ist, hat in unserer Gesellschaft auch keine Stimme – obwohl er vielleicht auf anderen Ebenen ein ganz wichtiger Mensch ist … Care-Arbeiter, Seelentröster oder Arschengel.

Was in der Natur umsonst ist, wird gnadenlos mitgenommen – auch wenn es dadurch ausgelöscht wird, da es genau diese Pflanze vielleicht nicht im Überfluss gibt. „Geiz ist geil“-Mentalität.
Was uns Menschen schadet, muss knallhart vernichtet werden – ohne zu hinterfragen, ob es gerechtfertigt oder der richtige Weg ist. Mit diesem Denken produzieren Menschen auch Hass bis hin zum Krieg.
Genau so sind wir Menschen. Gierig, Nutzen-Kosten, nicht hinter eine Fassade schauend. Selbst im neutralen Wald.

Auch nicht anders ist es an für mich „heiligen Orten“. Im Wald vor meiner Haustüre kenne ich jeden Baum und jedes Pflänzlein. Gerne pirsche ich hindurch, als sei ich selbst ein Tier. Genau weiß ich, wo was wächst und in welchem Stadium es sich gerade befindet. Einige Wildtiere kenne ich durch die Zeit. Selbst die alles alarmierenden Vögel scheinen mich schon zu kennen und meckern, wenn überhaupt, nur ganz kurz über mich als Eindringling.

Es gibt Plätze, an denen ich gerne verweile, an denen ich viel mehr fühle als nur „ach schön“. Plätze, die ich um Erlaubnis frage, ob ich überhaupt verweilen oder eintreten darf. Besonders seltene Pflanzen, eine besonders schöne Quelle, besonders schöne Eiszapfen an einem Steilhang oder ein Baum mit symbolhaftem uraltem Efeubewuchs.
Ich war immer alleine dort. Keine Bilder im Status, keine Bilder im Netz und schon gar nicht bei Instagram. Dann komme ich irgendwann doch auf die Idee, einigen wenigen Menschen diese magischen Orte zu zeigen, um sie an diesen kleinen Wundern teilhaben zu lassen. Und zack: Volles Programm mit Selfies der Plätze und grausigem Verhalten vor Ort. Drei Meter lange Eiszapfen werden abgerissen und umhergeschleudert, das seltene Knabenkraut ziert jetzt ein schickes, „nices“ (viele Likes versprechendes) Herbarium, an der Quelle wurde/wird jetzt ein Frauenkreis für viel Geld abgehalten, bei dem dann mit großem Tamtam ein Naturfasching veranstaltet wird und alle Pflänzchen im Umkreis entweder zertrampelt oder gnadenlos alle Schlüsselblumen gepflückt werden, um in den Haarkränzen zu landen.
Frauenkreise sind sehr wichtig und schön – aber wenn es nur darum geht, in hübschen Kleidchen die Natur für schöne Bilder in Mitleidenschaft zu ziehen, bekomme ich nen Anfall. Daher das Wort „Naturfasching“. Ein heiliger Ort, der danach wie verwüstet und ausgelaugt wirkt. Ich komme mir vor wie ein Verräter, der den Naturgeistern in den Rücken gefallen ist. Wenn man mit den Menschen über diesen Missstand versucht zu sprechen, kommt nur totales Unverständnis. Das macht mich sehr traurig, fassungslos und ohnmächtig.

Im Netz tummeln sich ja diese selbsternannten Naturspirituellen und Erdenhüter, die ihre Fauxpas noch und nöcher publizieren. Bäume und Pflanzen werden irreparabel geschädigt oder Lost places öffentlich angepreist – gerne mit gespachtelten und gefilterten Gesichtern auf den Bildern. Alles für möglichst viele Likes und eine jubelnde Gefolgschaft, die Herzchen verteilt für etwas, das genau das Gegenteil ist von dem, was es zu sein scheint. Verrückt!

Versteht mich nicht falsch – ich möchte weiterhin mein Wissen teilen und ich möchte auch diese für mich „heiligen Plätze“ nicht für mich allein in Anspruch nehmen. Aber immer mehr verstehe ich, warum die „Hexen“ oder besser weisen Frauen allein und zurückgezogen im Wald gelebt haben. Kein Bock auf all sowas. Bestimmt waren sie auch als komische Frauen verschrien, die mit Tieren und Pflanzen redeten und Orte kannten, von denen sie niemandem erzählen wollten. Mit der Natur leben – nicht störend, lärmend, zerstörerisch und einschneidend schädigend. Sondern mit Dankbarkeit der Erhabenheit des Zaubers der Natur innewohnen. Daher auch dieser Artikel … wobei ich sicher bin, dass diejenigen bis hierher gelesen haben, die so ticken wie ich … andere werden diesen Text gar nicht erst verstehen. Aber vielleicht erreiche ich, dass der eine oder die andere sich doch ein wenig naturbewusster im Wald verhält. Frage dich immer: Was würde dir Mutter Natur / Gaja bei deinem Tun ins Gesicht sagen?

Vielleicht mache ich weiter mit Wanderungen, vielleicht in anderer Form – ich weiß es noch nicht.

Autorin: Karin Himmelreich-Rades
Fotos: Karin Himmelreich-Rades, Annette Roemer, Emma Regenn Pixabay

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Anke

    Danke, es gibt die Momente in denen eine Eidechse auf eine angebotene Hand klettert, der Eichelher näher hüpft um zu gucken was ich tue und mich der Hase ausschimpft weil ich im Weg sitze. Nur ist das nicht in Workshops erlernbar sondern eine form des seins.

  2. Tanja Eberle

    Danke Karin!

  3. Heike Röger

    Danke, solange der Menschen die Natur als Umwelt betrachtet und nicht als Mitwelt wird uns dieses Verhalten begleiten.

  4. Ilona

    Danke für deine Worte, die mir aus der Seele sprechen.