Setzt den Kühen wieder Hörner auf!

Der Monat Mai steht im Zeichen der Kuh. Nein, im Zeichen des Stieres, denn als vor gut 2000 Jahren die Sternzeichen des Tierkreises festgelegt wurden, war unsere Welt bereits patriarchalisch. Und heute? Soll die Kuh ihrer Hörner beraubt werden.

Wenn Götter (oder Menschen) ein Wesen unsterblich machen wollen, bannen sie dessen Bild in den Sternenhimmel. Das Sternbild des Stieres hat lange Hörner, die bis zur Milchstraße reichen. Einmal im Jahr, Ende April bis Ende Mai, wandert die Sonne durch dieses Sternzeichen. Dann nämlich, wenn das Gras nach dem Winter wieder saftig genug nachgewachsen ist, um das Vieh auf die Weide zu treiben. Ein anderes Himmelsbild mit Kuh ist der allmonatliche Sichelmond. Mit seinen Hörnern erinnerte er die Menschen an ihre kostbaren Rinder, die ihnen Arbeitskraft, Nahrung und Kleidung zugleich lieferten. Die ihnen Fruchtbarkeit und Wohlstand brachten.

So heilig waren die Kühe den Menschen, dass sie in den Tieren die mächtigsten Gottheiten wiederzuerkennen glaubten. In den Mythen der Urvölker wimmelt es von Kuhgottheiten, die die Welt gebären und sie mit ihrer Milch nähren. Die ägyptische Hathor mit ihren Kuhhörnern, die kuhäugige Hera … die germanische Urkuh Audhumbla, die den Urriesen Ymir mit ihrer Milch nährte, den ersten Menschen mit ihrer warmen Zunge aus dem Eis auftaute und deren Name „milchreines Glück“ bedeutet. Europa, die Mutter unseres Kontinents, war ursprünglich eine kretische Mondgöttin, die auf ihrem Diener, dem Mondstier, nachts über den Himmel ritt.

Auch in der Schrift gehörten die Zeichen für „Vieh“ zu den wichtigsten: Unser Buchstabe A leitet sich von der ägyptischen Hieroglyphe für das Vieh ab; damals stand das A noch auf dem Kopf, seine Füße waren die Hörner der Rinder. Bei den Germanen bedeutete „Vieh“ die Rune Fehu. Mit zwei Hörnern nach rechts. Eine Kuh ohne Hörner? Ohne ihr kraftvollstes Symbol? Unvorstellbar! Zumindest für unsere Vorfahren.

Heute sind Kühe lila-weiß gefleckt und haben keine Hörner mehr. Jaja, wer es nicht glaubt, braucht bloß auf die Schokolade in den Regalen der Supermärkte zu schauen. Werbung schafft Bilder, die in unseren Köpfen hängen bleiben und nach und nach die Realität ersetzen; mit Absicht! Eine kleine Molkerei in meinem Heimat-Landkreis stritt sich vor ein paar Jahren heftig mit dem Künstler, der ihre Milchverpackungen gestalten sollte: Er wollte die Kühe nicht ums Verrecken ohne Hörner darstellen! Der Künstler gewann dank seiner Bekanntheit.

Bei der Milch-Industrie sind die Hörner der Rinder unbeliebt. Ohne Hörner passen nämlich umso mehr von ihnen in den Laufstall. Landwirte, die da nicht mitmachen wollen, haben es schwer, selbst wenn sie in Verbänden wie Demeter organisiert sind. Die setzen sich zwar vehement für Kühe mit Hörnern ein. Doch auch bei Demeter fürchtet man, dass es bald nur noch Stiere mit Hornlos-Genen als Samenspender gibt. Hornlosigkeit wird dominant vererbt: Ist eine Rasse erstmal hornlos gezüchtet, gibt es kein Zurück mehr.

„Immerhin“, könnte man nun argumentieren, „müssen die armen Kühe dann nicht mehr die qualvolle Prozedur des Enthornens über sich ergehen lassen“. In den 70er- und 80er-Jahren, als die Laufställe aufkamen, war es üblich, die Hörner unter Betäubung mit einem groben Stahldraht abzusägen. Die blutenden Gefäße wurden verödet und die geöffnete Stirnhöhle mit einem Tampon geschützt, bis sich die Wunde nach einiger Zeit schloss. Das Enthornen ist inzwischen nur noch bei Kälbern erlaubt, denen die Hornanlagen verödet werden. Ohne Schmerzen geht aber auch das nicht: Noch Monate später zucken die Tiere zurück, wenn man sie am Kopf berühren will. Da müsste die Hornlos-Zucht ja eigentlich die Erlösung sein. Oder?

Nein! In den Hörnern steckt so viel mehr als nur die Symbolkraft.

Hörner bestehen nicht wie die Geweihe aus nacktem, totem Knochen, der alljährlich abfällt und wieder nachwächst. Sie wachsen lebenslang und sind eine Art Hornhaut über einem gut durchbluteten Knochenzapfen, der mit Nerven ausgestattet und mit den Stirnhöhlen verbunden ist.

  • Ihre Hörner brauchen die Kühe zur Körperpflege und zur Kommunikation: Da sie relativ kurzsichtig sind, erkennen sie einander auf Distanz vor allem an der Silhouette, also auch an den Hörnern. Unter Kühen mit Hörnern gibt es weniger Rangkämpfe, da ein Wink mit dem Kopf ausreicht, um sich Respekt zu verschaffen (sofern sie genügend Platz haben natürlich).
  • Auch bei der Atmung und im Immunsystem der Kühe spielen Hörner eine Rolle, da die Stirnhöhlen bei alten Tieren bis weit in die Hörner hinein reichen.
  • Hörner sind das Kühl-System der Kühe: Milchkühe sind „Kraftwerke“ und produzieren extrem viel Wärme, die sie irgendwie los werden müssen. Hörner leiten die überschüssige Wärme ab, sorgen für einen kühlen Kopf und schützen so das Gehirn der Tiere, das viel mehr an der Verdauung beteiligt ist, als wir uns vorstellen können: Kühe entschließen sich bewusst zum Wiederkäuen und unterbrechen es, wenn sie gestört werden.
  • Wie genau die Hörner sich auf die Verdauung der Kühe auswirken, ist noch nicht ausreichend erforscht. Sicher ist aber: Wie die Kühe das Gras verdauen, wirkt sich auf deren Milch aus, die wir wiederum trinken oder in verarbeiteter Form essen. Kann es uns also egal sein, ob Kühe Hörner haben?

Während die himmlischen Kuhhörner im Sternbild und im Sichelmond unsterblich sind, dreht sich das Rad der Zeit für uns Sterbliche weiter. Nur wenige Jahre noch, dann könnte das Bild der Hornträger nicht mehr bloß aus der Werbung, sondern auch von den Weiden und aus den Ställen verschwunden sein. Was wir dagegen tun können? Diejenigen Bauern unterstützen, die Kühe mit Hörnern halten! Ihre Produkte den anderen vorziehen, auch wenn die Bauern dafür logischerweise etwas mehr verlangen müssen.

Autorin: Dagmar Steigenberger
Fotos: Dagmar Steigenberger, Gemälde Brigitte Messmer, Schoggiwerbung ausm Netz

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Tanja

    Danke liebe Dagmar für Deinen Beitrag. Ich kann die „nackten“ Kühe auch fast nicht mehr sehen, es tut mir in der Seele weh. Ich vermisse genau die Kühe, die auf Deinen Bildern zu sehen sind. Bei Demeter-Bauern haben die Kühe noch Hörner und ich hoffe es werden wieder mehr. Wir Verbraucher haben es in der Hand.

    1. Dagmar

      Seit vergangenem Sommer stehen auf unserer Weide auch wieder Kühe mit Hörnern. Ein paar Jahre zuvor hatten wir Yaks: eine ganze Herde samt Stier und Kälbern. Zu beobachten, wie eine Herde ursprünglich funktioniert, in die Augen dieser stolzen Tiere zu blicken und darin Wildheit erkennen – so etwas wünsche ich mir auch für die Kühe!

  2. Christine Kostritza

    Liebe Dagmar, es ist einfach so bescheuert, dass man den Kühen die Hörner absägt. Inzwischen ist es so, dass die Bauern für eine Kuh/ein Kalb ohne Hörner deutlich mehr Geld bekommen.
    Es ist super, daß du darüber schreibst und auch was uns auf allen Ebenen damit verloren geht.
    Ich danke Dir blase in Dein Horn. Herzlich Christine 🦬🦬🦬

    1. Dagmar

      Liebe Christine, vielen Dank fürs Mit-ins-Horn-Blasen! Gemeinsam sind wir alle so laut, dass man uns hoffentlich nicht mehr überhören kann.