Mut tut gut

Ich habe mir neulich ein paar Overknee-Stiefel gekauft. So schwarze Stiefel, deren Schaft bis zu den Oberschenkeln geht. Also eigentlich habe ich sie ja irrtümlich bestellt, aber als sie dann da waren, habe ich sie dennoch probiert und dachte nur „Ohooo… OHOOOOOO!“ und hab mich hinter verschlossenen Gardinen glatt chli verrucht gefühlt.

Da die Stiefel flach sind und praktisch zu jeder Rocklänge passen, entschied ich mich, sie zu behalten. Und dann, dann hab ich es mir voll gegeben und die hohen Stiefel mit einem kurzen schwarzen Lederrock kombiniert. Hohooooo!

Ich beschloss, so das Haus zu verlassen, wohl wissend, dass Overknees in Kombination mit kurzen Röcken eine Herausforderung sind, wenn man nicht wirken will, als ob man arbeitshalber den Bordstein entlangflattert (vollsten Respekt für diese Berufsgattung).

Als ich dann am nächsten Tag am Bahnhof unterwegs war, wurde mir erst bewusst, wie sehr eine solche Kombination auffällt, ja provoziert – und ich bemühte mich, königlich erhaben und selbstbewusst durch die Situation zu stiefeln. Die Stimmen in meinem Kopf jedoch wurden immer lauter.

„Du bist zu alt für sowas!“ Dazu kamen die Stimmen meiner Mutter und anderer Frauen. „So kleiden sich Frauen, die nicht alt werden können“, „wenn Frauen nicht akzeptieren können, dass ihre biologische Uhr langsam abläuft und sie sich krampfhaft an ihre Sexualität klammern“, „in Würde altern, bedecke dich!“

Und während ich da so ging, wurde mir bewusst, dass ich gerade etwas tat, was ich mich früher nie getraut hätte. Ich tat etwas, weil ich Lust darauf hatte und weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, sowas mal zu tragen. Ich tat es für mich.

Was ist, wenn ältere Frauen, die sich so kleiden, das gar nicht tun, weil sie einen wesentlich jüngeren Mann abschleppen oder seine Bestätigung wollen, es nicht tun, weil sie überhaupt irgendeine Bestätigung wollen, sondern es tun, weil sie Lust dazu haben, weil sie niemandem mehr etwas beweisen wollen, weil sie sich als bewusste, gestandene Frauen ganz „einfach“ ENDLICH trauen?

Und während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, veränderte sich meine Haltung, ich wurde grösser und grösser. Ja, fuck, ich tat es, weil ich das schon lange einmal wollte, ich tat es, weil ich Overknees geil finde und weil ich endlich den Mut hatte, es zu tun.

Mut tut gut.

Beschwingt habe ich den Zug bestiegen, meine Beine lasziv übereinandergeworfen und keck dem achtzigjährigen Sitznachbarn zugezwinkert.

Burn Baby Burn

Autorin: Lina Engler
Schichtbild: Lina Engler, Keitma AdobeStock, Annette Roemer

 

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