Moira

Die Verwandlung

Diese Geschichte entstand nach einer Schwitzhüttenzeremonie im November 2011. Zehn Jahre später habe ich sie durch einen Zufall wieder ausgegraben und ihr ein neues, freudigeres Ende gegeben – oder sagen wir: einen neuen Anfang am Ende?

Das ist die Geschichte von Moira. Von Moira, der alten Mutter, deren Träume alles ins Leben rufen. Oder die Geschichte von Maria, der Erdmutter, wie sie sich auch nennt. Oder von Holle. Oder Gaia, oder Rhea, oder Hathor … Ach, sie hat so viele Namen, dass es ihr eigentlich egal ist, wie man sie ruft. Ihr ist es sogar egal, ob wir sie vergessen oder nicht. Sie ist die Einzige, die immer existiert – egal ob wir Menschen uns an sie erinnern oder nicht. Oder ob wir Menschen weiterleben oder nicht. Sie ist da. Nur vergisst sie das hin und wieder sogar selbst. Sie reflektiert nicht über sich und andere und sie urteilt nicht, wie wir Menschen das so gerne über uns und andere tun. Sie existiert einfach. Und sie fühlt; ja, das tut sie! Und zwar sehr intensiv.

Woher ich das weiß? Vielleicht, weil meine Geschichte mit ihrer verwoben ist? Als man meine sterblichen Überreste in der Erde begraben hatte, begann meine Verwandlung. So ist das mit uns Menschen: Wir nennen es Sterben und fürchten uns davor. Vielleicht würden wir uns nicht so davor fürchten, wenn wir uns angewöhnten, es Verwandlung zu nennen. Das nämlich ist die wunderbare Eigenschaft, die die Materie vom Geist abhebt. Aber zurück zu meiner Verwandlung.
Als auch die letzte Schaufel Humus meinen Körper zudeckte, wurde es finster. Meine Augen wollten sich nicht daran gewöhnen. Weil sie hier unten ohnehin nicht mehr gebraucht würden, verschenkte ich sie an ein paar fleißige Würmer. Eifrig trugen sie das frische Material davon. Dasselbe taten die Würmer mit meinen Haaren, meiner Kleidung, der Haut und den Innereien. Bei den Knochen schnauften die kleinen Wesen schwer und ließen sie schließlich liegen.
Irgendwo tief im Zentrum der Erde war eine glühende Quelle, von der hier am Rand nur noch ein schwaches Glimmen ankam. Das, was von mir übrig war, geriet in Bewegung. Es drehte sich auf eine Art und Weise, die den Unterschied zwischen Oben und Unten zunichtemachte. Das Ergebnis war eine wohlige Benommenheit, ein Abtauchen in eine Welt, in der andere Gesetze herrschten. Das Glimmen hatte eine seltsame Anziehungskraft. Manchmal funkelte es, als würde sich dort, auf einen winzigen Punkt verkleinert, das Universum mit all seinen Sternen und Galaxien befinden. War das der Punkt, um den alles kreiste? Der Punkt, von dem alle Kraft und Wärme, alles Leben ausging? Mit Macht sog es alles zu diesem glimmenden Kern. Dabei war doch der Schwebezustand in der Höhle so angenehm!
Der Kern strahlte heißer und verwandelte die wohlige Wärme in eine unangenehme Schwüle. Die Enge der Erde, die Unnachgiebigkeit, diese Starre. War das noch Leben? Oder eher das Gegenteil? Der Tod war voll von Einsamkeit. Selbst das Gewürm mied diesen Ort nun, da nichts mehr zu finden war, was ihnen als Nahrung dienen hätte können.
Angst überkam mich. Wo waren die anderen? Warum begleitete mich niemand auf diesem Weg? Von Steinen, Lehm und Erde gefesselt lag ich dort, hatte keine Kehle zum Schreien, keine Hand zum Winken … nichts mehr, um ein Zeichen meiner Not nach oben zu senden. Dorthin, wo man mich vergessen hatte wie all die anderen, die hier unten weilten. Ich spürte deren Anwesenheit. Stumm sickerten sie durch die Erde: Schatten, dunkler noch als die Finsternis um mich herum. War ich der Magnet? Zog ich jene schweren Dämonen an? Der eine zog an einem Knöchelchen in meinem Brustkorb, die andere schlug ihre unsichtbaren Zähne in mein Becken, ein weiteres knackte meinen Schädel wie eine Nuss. Die Erde erzitterte. Der Boden brach auf und mit ihm die Schädeldecke. Gierig leckten die Dämonen an allem, was da in Strömen aus dem Innerstem quoll: Angst, Traurigkeit, Schmerz …

Währenddessen kochte die Hitze aus dem Innersten immer weiter nach außen. Dampfte durch Ritzen, taute das Eis der Erde und nahm es zischend mit in die Luft. Kurze Zeit später explodierten ganze Berge und ließen Ströme von glühendem Gestein über alles schwappen, was ich jemals geschaut hatte. Von oben antworteten die Sterne mit Kometenschauern, die Wolken tropften auf die Erde nieder, wo das Feuer alles niederbrannte. Die Welt stand Kopf. Oben war unten und unten war oben. Menschen erschlugen einander in blinder Panik. Tiere und Pflanzen siechten. Nur die Dämonen hatten ihren Spaß an dieser Zerstörung.
„Moira! Wach auf, Moira!“ Jener flehentliche Schrei tönte aus dem Mund einzelner, die sich in ihrer Verzweiflung wieder an die alte Mutter erinnerten.

Moira hatte den Hilferuf tatsächlich gehört. Doch nie und nimmer hätte sie ihn auf sich bezogen. Ihre Erinnerung war ausgelöscht, sie wusste nicht mehr, wer sie war. Sie wusste ja nicht einmal, dass sie überhaupt existierte. Bilder von Wut, Verzweiflung, Angst und Zerstörung strömten durch sie hindurch. Sie spürte, was alle spürten. Sie war alle und doch ein Nichts: Ihr Körper – falls sie einen besaß, war zu filigran, zu durchsichtig, als dass sie hätte eingreifen können. Wohl litt sie mit und spürte den Schmerz, der jeden einzelnen quälte. Doch wem hätte sie helfen, auf wessen Seite hätte sie sich stellen sollen?
Mitten im Kriegslärm erreichte sie plötzlich etwas Zarteres, Feineres: erst nur ein Vibrieren. Dann ein Pulsieren. Etwas Neues kündigte sich an, voller Hoffnung und Freude. Moira horchte auf. Und mit ihrem Aufhorchen verstummte das Kampfgeschrei. Alles lauschte mit Moira auf dieses andere Fremde, das nun lauter wurde. Gesänge, die an Kraft und Klarheit gewannen. Es waren viele, die da sangen. Wie viele und wer, darüber dachte sie nicht nach. Der Platz des Zählens und Denkens lag in einer anderen Welt.

In dieser neuen Welt war alles in inniger Liebe verbunden mit allem. Sie war alle. „Moira, Moira!“, hörte sie. Aber vielleicht riefen die Stimmen auch „Oja, oja“. Oder „Maia, maia“. Vielleicht auch „Aheya, aheya“. Sie spürte Berührungen auf der Haut; auf ihrer Haut! Etwas drückte auf ihren Kopf. Jawohl, sie hatte einen Kopf! Einen hübschen runden mit einer großen Öffnung vorne, in die beim Auf- und Zuklappen eine Flüssigkeit schwappte, die nach mehr schmeckte! Sie schluckte gierig. Mehr essen, größer werden, Kräfte sammeln! Erst jetzt merkte sie, dass Arme um sie herum wirbelten. Es waren ihre Arme, ihre eigenen! Und ihre Beine, die strampelten! Es war mühsam, sie unter Kontrolle zu bringen. Hin und wieder gelang es ihr schon.
Mit einem kräftigen Stoß drückte sie sich ab. Heraus aus der Erde.

Hier bin ich.
Ich bin da!
Welchen Namen gebt ihr mir diesmal?

Text und Illustration: Dagmar Steigenberger
Foto: Alexander Antropov, Pixabay

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