Zeit der Dunkeldämmerung

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Samhain... Sind es die Schatten der alten Eichen

Ich erinnere mich nicht, waren es die Schatten der alten Eichen, rechts und links der kleinen Straße, die mich ängstigten. Waren es die gespenstigen Geschichten, die unsere Mutter uns im Herbst, beim abendlichen Löffeln der Milchsuppe, besonders gerne erzählte. Oder war es einfach nur, dass es um diese Zeit schon dunkel war. Ich weiß nur noch, dass ich mich bemüht habe, ganz vorsichtig zu gehen, so dass meine Schritte keine Geräusche machten.

Ich war zehn und in diesem Herbst war es meine Aufgabe, die Milch für unsere Familie von Bauer Bruhns zu holen. Im Sommer haben wir sie noch vom Bauern direkt neben der kleinen Kreuzung geholt. Irgendwas war dann gewesen, was ich nicht wirklich verstanden habe und jetzt waren es die Kühe von Bauer Bruhns, die für uns gemolken wurden. Wir hatten zwei Milchkannen, eine weiße, da passte der Deckel nicht richtig und es kam vor, dass Milch fehlte, wenn ich wieder zuhause war. Die andere Kanne war grau. Grau und schön leicht war sie auch und hier passte alles gut zusammen. Einmal habe ich eine Wette mit mir selbst gemacht, „dass ich es schaffe, die volle Kanne einmal, um mich rumzudrehen, ohne dass Milch rausläuft“, weißt du, wie bei einem Riesenrad, vorne hoch, dann über die Schulter und hinten wieder runter. Hab ich geschafft. Aber da war es auch noch nicht so dunkel.

In unserem Dorf gab es noch keine Straßenlaternen, das einzige Licht was es gab, kam aus den Fenstern der Häuser, an denen ich vorbei ging. Die Fahrräder, die um diese Zeit noch unterwegs waren, hatten meistens kein Licht, dafür klapperten sie umso lauter, ich hatte genug Zeit auszuweichen, damit sie mich nicht umfuhren. Autos gab es wenige und sowieso waren die längst zuhause, war ja schließlich schon dunkel. Wie von Geisterhand zog es mich, mit meiner Milchkanne, immer wieder in die Mitte der Straße.
Es waren die alten Eichen, rechts und links der Straße, in der kleinen Kurve kurz vor Bauer Bruhns Kuhstall standen sie besonders dichte, die mich ängstigsten. Es schien, als formten ihre Schatten sich zu Wesen und Gestalten aus der anderen Welt. Manche trugen Hüte, so groß wie Bergspitzen, andere hatten Beine, die waren so lang, dass sie mit nur einem Schritt über ein Rübenfeld gehen konnten. Ich meinte mich vor ihnen fürchten zu müssen, schon allein ihrer Nasen wegen.

Aus dem Dunkel des Gebüschs kamen Geräusche, mal von der einen, dann von der anderen Seite, das war unheimlich. In Mutters abenteuerlichen Geschichten haben sich die Kinder Mut gemacht und ein Lied gesungen, wenn es unheimlich wurde, aber dazu fehlte mir der Mut. Ich wollte nur so schnell wie möglich bei den Kühen ankommen, in ihrem Stall war Licht und warm war’s da auch und die Frau von Bauer Bruhns hatte immer einen Sahnebonbon für mich, in ihrer Schürzentasche.

Angst macht das Unbekannte, das, was ein Gefühl von Alleinsein macht, egal ob man schon groß ist oder zehn Jahre alt. Und es war gut, dass ich mich an dem kleinen Holzgriff, am Henkel meiner Milchkanne, festhalten konnte.

Heute weiß ich, dass der Novemberwind in seltsamen Tönen durch die blattlosen Äste singt und dass Igel, Maus und Hase sich im bunten Laub des Herbstes geräuschvoll ein Winterquartier suchen. Heute weiß ich auch, dass die Zeit der Dunkeldämmerung die Zeit ist, in der die Tore für die Anderswelt geöffnet werden und dass dann Dinge passieren, derer Schauspiele ich lauschen möchte. Heute weiß ich, dass ich nicht allein bin, wenn sich rechts und links der Straße die Schatten der knorrigen alten Eichen kreuzen. Heute hörst du mich singen und findest mich lauschend, den Geschichten der Dunkeldämmerung.

Was gab es ewig keine Milchsuppe mehr. Die mit einem Stipps Salz drin und Schwarzbrotecken, die mochte ich besonders gerne.

Text und Bild: Christiane Holsten

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