Zeig dich

Zeig dich!
Zeig mir dein tätowiertes Rückgrat und deine sternüberkrustete Zunge!
Gib dein wildes Knurren zu, deinen blutigen Rachen
Deck deine Natur auf und verrate deine Träume!
Jedes Tier enthält seinen Gott, alle Götter sind Träume
Alle Träume sind wahr

LASS DAS TIER FREI!!!
Erlaube dem Hund zu fliegen, gestatte der Spinne Liebe

Bist du das regenbogenköpfige Kind, das Traumorakel,
die Schmerzhexe, der Tränenpriester, die Liebestür?

ZEIG DICH!
Bist du der Heilige der Lust, bist du das Tier, das weint?

ZEIG DICH!
Bist du LEHRLING HEIRATET ACHTUNDSECHZIGJÄHRIGE von Lust geschüttelt
Bist du VATER VON DREI KINDERN ERSCHIESST SICH UND JÜNGSTEN SOHN
Bist du WAHNSINNIGER VERBRENNT LIEBESPAAR
Bist du UNBEKANNTER SPRINGT VON DER BRÜCKE
Bist du SIEBZEHNJÄHRIGE MIT KETTEN GEFESSELT
Bist du halb Mann, halb Frau, wiegst du sechshundert
Pfund, kannst du
auf Händen gehen, mit deinen Zehen schreiben, auf einem
gespannten Seil tanzen?

ZEIGE DICH!

NIMM DIE KREATUR AN
UND BEGINN DEN TANZ

Lenore Kandel („Monsterschau und Finale“)

Tief durchatmen, es ist Skorpionzeit!

Astrologisch läuft die Sonne vom 23. Oktober bis zum 22. November durch das Tierkreiszeichen Skorpion. Draussen in der Natur werden die Nächte länger, es wird kalt und feucht, Nebel steigt auf. Die Blätter welken und fallen von den Bäumen, es wird nasskalt und ungemütlich, so dass wir zunehmend mehr Zeit im Innern unserer Häuser und Wohnungen verbringen. Mit der trüben Novemberzeit beginnt die dunkelste Zeit des Jahres.

Die Sonne, das Licht unserer Aufmerksamkeit, fällt auf die Qualitäten, die dem Skorpion zugeordnet sind und seine Themen fangen an in uns zu wirken. Wir werden dazu aufgefordert, uns nach innen zu wenden und uns auf einen radikalen, emotionalen Veränderungsprozess einzulassen. Es ist die Zeit der Transformation, der grundlegenden Verwandlung, die alles Überflüssige absterben und nur den Kern übriglässt. Es geht um Tiefgründigkeit, das Loslassen, unsere Themen zu durchdringen, um den Schatten, unsere Angst, das Verborgene, die Macht, die Magie, den Instinkt, die Sexualität, die Heilung.

Pluto, der Zwergplanet, der über den Skorpion herrscht, wirkt jetzt besonders stark. Pluto wurde 2005 der Planetenstatus aberkannt, nachdem Forscher einen Himmelskörper entdeckten, der etwas grösser war als Pluto. Dieser wurde Eris genannt. Hätte man Pluto nicht den Planetenstatus genommen, hätte Eris auch als Planet anerkannt werden müssen. Statt die Schulbücher umzuschreiben, wurde Pluto degradiert. Was jedoch keinen Einfluss auf seine starke Wirkung auf uns hat.

Anfang November wird in unserer Kultur Allerheiligen und Allerseelen gefeiert. An diesen Tagen werden auf den Friedhöfen die Gräber der toten Verwandten besucht und es wird den Ahnen gedacht. Dadurch beschäftigen wir uns mit dem Sterben und dem Tod, mit Themen, die wir sonst lieber nicht genauer anschauen wollen. Durch die absterbende Natur und den Rückzug ins Innere können wir unsere Augen nicht mehr davor verschliessen.

Pluto beleuchtet unsere Abgründe, verborgene Themen unserer Familiengeschichte sowie unverarbeitete Themen aus vielen Leben. Alte Traumatisierungen gären vor sich hin, bis wir uns unseren inneren Konflikten stellen, sonst wiederholen wir das gleiche Szenario in verschiedenen Variationen immer wieder.

Pluto zeigt uns, wie unsere Einstellung zur Macht ist und wo wir Ohnmacht empfinden. Wir haben alle Momente gespeichert, wo wir uns hilflos und ausgeliefert fühlten, Opfer von Übergriffen wurden, von Manipulationen, Krieg, Folter und Gewalt.

In dieser Zeit können verborgene Traumata und schmerzhafte Erinnerungen an die Oberfläche kommen. Es kommt jedoch nur das an die Oberfläche, was wir auch verarbeiten können. Ängste, Verzweiflung und unterdrückte Gefühle wollen jetzt gefühlt werden.

Pluto ist aber auch eine magische Kraft.

Wenn wir den Dämonen unserer Angst ins Gesicht schauen, die verdrängten Gefühle fühlen, den Schmerz spüren, erfolgt Heilung und wir wachsen. Die eingefrorene, blockierte Energie kommt ins Fliessen und steht uns als gewaltige, schöpferische Lebenskraft zur Verfügung. Erstarrte Formen, die Entwicklung unmöglich machen, brechen auf und lassen uns ein Leben leben, das uns authentisch und einzigartig sein lässt.

So wird unsere grösste Angst zu unserem grössten Potenzial.

Z e i g  d i c h !

Text: Karin Hangartner
Gedicht: Lenore Kandel („Monsterschau und Finale“)
Schichtbild: Annette Roemer und Glauco Gianoglio, WikiImages auf Pixabay

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Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Petra

    Wow, das Gedicht! Und die gute Beschreibung der Skorpionzeit, Danke!

  2. Lina

    Bin heut morgen nach einer äusserst traumreichen Nacht erwacht und dachte ‚ wth?!‘ und jetzt deinen Text gelesen, gelacht und gedacht ‚ Aha, alles klar’☺️
    Danke Dir🌸

    1. Ja, ein paar Zeilen, ein paar Sätze und das Chaotische bekommt wieder eine eigene Ordnung.

  3. Christine Kostritza

    Liebe Karin, es fasziniert mich immer wieder, wie du tiefste Seelenbewegungen in der Astrologie verankerst.
    Und damit das Eigene auch in den große Rhythmus einbaust. Das Gedicht sprengt meine Grenzen, brüllt durch meine Adern und etwas in mir ist auch froh, daß der Pluto so weit weg ist. 😊
    Vielen Dank für deinen starken Skorpionfaden!

    1. Ja, mit diesem Gedicht habe ich auch gerungen….es wollte einfach raus..und ist pure Plutoenergie, ungeschönt.