
Der Laut des Übergangs
Die Sterne funkeln am dunklen, weiten Nachthimmel. Der Mond übergiesst die endlose Eislandschaft mit einem unwirklichen Schimmer. In der Ferne glühen schneebedeckte Berge. Türkis und grün vom Tanz der Lichter über ihnen.
Drei Gestalten hocken am Rand des zugefrorenen Sees. In ihrer Mitte knistert ein wärmendes Feuer. Funken steigen tanzend in den Himmel empor. Ich nähere mich. Tief dringt die Kälte, mein Fell glitzert von Eiskristallen übersät.
Eine der drei blickt zu mir auf. „Yakuto, geh mit dem Licht“, flüstert sie.
Ich gleite über die weite Eisfläche. Der leuchtende Schleier über mir. Immer schneller, immer weiter, bis ich mich erhebe. Leicht, getragen von …
Als ich an mir herabsehe, hat sich mein Fell zu einem prächtigen weissen Federkleid gewandelt.
Ich schwinge höher, das Flirren und Knistern der Lichter über mir verdichtet sich zu Klängen in Blau-, Türkis- und Grüntönen. Die Lichter beginnen zu singen. Es ist eine Melodie, so vertraut und schön und doch nie zuvor gehört. Oben und unten verschwimmen, und die Töne zeichnen eine Welt, die sich mit keinem irdischen Wort erfassen lässt. Ich schwebe zwischen und mit ihnen.
Ich bin frei.
***
In den alten Sprachen des Nordens, so erzählt man, gab es Worte, die nicht laut ausgesprochen wurden. Sie wurden nur leise gehaucht. „Yakuto“ sei eines davon gewesen, geboren aus drei Atemlauten:
Ya – das Rufen der Seele nach Licht.
Ku – der Körper, der trägt und wandelt.
To – das Ende und der Neubeginn, der Punkt, an dem der Atem sich dreht.
Yakuto ist kein Name, es ist ein Zustand: Es ist der Moment zwischen den Formen, in dem etwas seine Gestalt ändert. Wenn Erde zu Himmel wird, Fell zu Feder, Laut zu Lied.
Wer „Yakuto“ hört, erkennt sich selbst im Übergang.
Autorin und Bild: Belinda Capobianco
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