Weisses Fähnchen

  • Beitrags-Kategorie:Am Feuer / Magazin
  • Lesedauer:4 min Lesezeit
  • Beitrags-Kommentare:3 Kommentare

Neulich meinte mal jemand: „Zeig doch mal die wütende Lina“, das hat mir zu denken gegeben.

Ich bin kein wütender Mensch, das aufsteigende Feuer entspringt nicht der Wut. Meist entspringt das Feuer der Trauer und der dadurch aufsteigenden Kraft, die Veränderung bewirken soll. Und zurzeit verspüre ich viel Trauer und die aufsteigende Kraft versiegt von Tag zu Tag mehr, wird kleiner, wird zum Flämmchen, droht zu erlöschen.

Ich schreibe ungern über das momentan vorherrschende Thema, das olle C-Wort, denn darum geht es mir gar nicht. Es geht mir um Gemeinschaft, um Gemeinsamkeit, um ein Zusammenhalten. Worte die immer mehr zu leeren Hüllen verkommen. Propagiert und nicht gelebt. Von allen Seiten höre ich „der gesellschaftliche Graben darf nicht tiefer werden!“ und zugleich werden lustige Bilder verbreitet, die entweder jene auf der einen oder jene auf der anderen Seite herabsetzen.

Beide Seiten beschimpfen sich zunehmend härter, der Wind wird von Tag zu Tag rauer und ich steh seit bald zwei Jahren irgendwo dazwischen und wedle wild mit meinem kleinen weissen Fähnchen: „Bitte vertragt euch doch, wir brauchen uns!“

Mein Wedelarm ist müde, mein Fähnchen sinkt…

Und ich stehe da und ertappe mich, wie auch bei mir Gedanken aufflackern: „Wie dumm seid ihr doch… wie dumm seid ihr, dass ihr euch so manipulieren lasst von euren Bubbles, von euren Quellen, von den Medien, von den Antimedien, von überallher… wie dumm seid ihr, dass ihr euch aufhetzen lasst gegeneinander, weil es sich doch so schön anfühlt, mit Gleichgesinnten wettern zu dürfen, sich erhaben fühlen zu dürfen, gemeinsam spöttisch auf andere herabblicken zu können…“

Es spielt keine Rolle mehr, was man denkt oder wofür man steht, am Ende verhalten sich zunehmend alle gleich… Und ich möchte durch meine Reihen gehen und einfach mal alle ordentlich durchschütteln. Es geht nicht um ein Virus, es geht zunehmend um sehr, sehr viel mehr, was uns sehr, sehr viel länger beschäftigen wird.

Es geht um Gemeinschaft, Gesellschaft, die Zukunft unserer Kinder (die sich, wie ich mit Erschrecken feststellen musste, auch in der Schule schon heftig an der Spaltung beteiligen…). Danke Erwachsene, dass ihr euren Scheiss den reinen Kindern weitergebt, ihre reine, ehrliche Wertneutralität zerstört…

Wir alle wollen zurück, was vorher war. (Was nicht geht. Was war ist vorbei und kommt nicht wieder.) Das erreichen wir aber noch weniger, indem wir uns gegenseitig bekriegen, herabsetzen, diffamieren. Einigen wir uns doch einfach, dass wir alle ein bisschen dumm sind, dann ist das halt so, mein Gott. Wir waren dumm und jetzt hören wir auf damit.

Und während ich schreibe, mit dieser tiefen Trauer in mir, spüre ich, dass mein Flämmchen nicht erlöschen wird; ein Luftzug, ein Auflodern.

Ich weigere mich weiterhin, jemanden, egal was er entscheidet, spöttisch zu betrachten.
Ich weigere mich weiterhin, jemanden der Dummheit zu bezichtigen, bloss weil er eine andere Haltung hat als ich.
Ich weigere mich weiterhin, mich einer Seite anzuschliessen, ich weigere mich weiterhin, jemandem seine Bauchgefühle abzusprechen, egal in welche Richtung sie gehen, ich weigere mich weiterhin, jemandem nach dem Mund zu reden, nur damit ich mich nicht ausgegrenzt fühlen muss.
Ich weigere mich weiterhin, zur Schaufel zu greifen und mich am kollektiven Grabenbau zu beteiligen – und das nicht, weil ich Angst vor Dreck habe.

Ich habe für mich entschieden, dass ich weiterhin mit meinem weissen Fähnchen zwischen den Fronten stehen und wild wedeln werde.
Ich werde weiterhin auf mein Herz hören.
Ist es ein guter Mensch? Hat er ein gutes Herz? Fertig.

Und jetzt darf man von beiden Seiten wild gegen mich schiessen und mir Argumente an den Kopf werfen, mich spöttisch belächeln und mir sagen, wie dumm ich doch bin. Und ich werde mit den Schultern zucken und weiter mein Fähnchen schwingen.

Es ist nicht mein erster Alleinaufstand, eigentlich mach ich das dauernd.

Ich mach mal wieder nicht mit und träume weiter von einer Welt, in der Menschen füreinander da sind, unabhängig von Hautfarbe, Identität, Orientierung, Krankheit oder Gesundheit oder Pieks.
„You Dreamer you“, sagt mein Kopf. Mein Herz lacht.
Jawoll!

Text: Lina Engler
Foto: jplenio auf Pixabay


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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Liebe Lina unbekannterweise !
    Du hast mir aus dem Herzen gesprochen – genau so , ja genau genau so, empfinde ich es auch und ich steh auch da und wedle… leise, sehr leise denn ich bin zu schwach benervt mich dem schiessen auszusetzen – beider Seiten . Danke dass du dies niedergeschrieben hast , ich bin nicht allein 🙂 lieben Gruß zu dir Sabine

  2. Lina

    Liebe Sabine
    Danke Dir für deine Worte, sie tun mir auch gut. Ich denke, es gibt noch sehr viele mehr die denken wir wir, die leise wedelnd, aber lustlos auf Beschuss irgendwo dazwischenstehen. Wir können ja weiter zusammen leise wedeln und uns abwechseln, wenn es mal wieder zu anstrengend wird. Einen lieben ‚🏳️🌸-Gruss‘ Dir

  3. Menga

    Liebe Lina und Sabine
    auch mir schreibst du aus dem Herzen! Tausend Dank!
    Kürzlich vernahm ich die Geschichte, dass an einem Ort die einen Gs sich mit den anderen Gs solidarisierten und niemand ging mehr an die Zertifizierten Orte…das brachte Ruhe ins Chaos, und nach einer Denk-Pause wurden alle Beschränkungen aufgehoben. Die Menschen umarmten sich wieder und schenkten sich Walnüsse ;-))
    Ja, lassen wir den Wind mit unseren Fähnchen spielen und wünschen wir das Schönste und Beste für unsere Kinder und unsere Mutter Erde:-))
    Seid aus vollem Herzen gegrüsst
    *menga