
Der Wind bläst die letzten Blätter von den Bäumen. Der erste Schnee ist gefallen. Ein Feuer brennt. Zeit zu schauen.
Feuer machen gehört zu den ursprünglichsten Handlungen, die wir Menschen noch immer tun. Obwohl es in unseren Breitengraden theoretisch nicht mehr nötig wäre. Also muss da noch was anderes dran sein, an diesem Jahrtausende alten Akt des Feuerentzündens, Schürens und Hütens.
Immer wenn ich Feuer mache, stelle ich mir vor, wie unzählige Hände vor meinen die gleichen Handlungen schon vollzogen haben. Holz holen, Holz schichten, einen Funken erzeugen, Feuer entzünden.
Und dann kommt der schönste Teil. Am Feuer sitzen und hineinschauen. Hören, wie es knistert und knackst, wie es zischt und züngelt. Sehen, wie die Flammen tanzen, schnappen, flackern, in unterschiedlichen Farbtönen, von Dunkelorange bis fast Weiss, mit blau-violettem Glimmen.
Mein erstes Feuer dieser Saison entzünde ich in einer Waldhütte in einer Neumondnacht im September. Sobald es lodert und ohne mein Zutun konstant brennt, mache ich es mir vor der Ofentür aus Glas bequem und schaue ins Feuer. Gedanken flackern auf. Funkenflug.
In meiner Familie waren, soweit ich überblicken kann, immer die Frauen zuständig fürs Feuermachen. Meine Mutter befeuert den Giltsteinofen (Specksteinofen) von 1892, in dem schon meine Gross-, meine Urgross-, und meine Ururgrossmutter väterlicherseits Feuer gemacht hatten. Auch meine Grossmutter mütterlicherseits war zu Hause fürs Feuer verantwortlich. Funkenflug. Vielleicht auch das etwas Ursprüngliches. Vielleicht, weil Frauen mit Feuer besser umgehen können. Sie können es schüren, hüten und im Zaum halten. Es darf auch mal lodern und sich ausweiten, aber einen Flächenbrand würden sie verhindern wollen. Funkenflug. Wie kam dieses Element, das für den sprunghaften Entwicklungsschritt des Menschen verantwortlich war, in die Obhut von Frauenhänden? Funkenflug. Die tausenden Frauen in Europa, die in den Flammen ihren unfassbar schmerzhaften Tod fanden. Warum wurden sie wohl gerade dem Feuer übergeben, die sogenannten Hexen? Warum wurden sie nicht öfter geköpft, erhängt oder ertränkt? Die meisten Frauen wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Das Element ihren Händen entrissen und gegen sie gerichtet, ihr Leben auslöschend. Funkenflug. Verteufelt auch die Nacht. Verhängnisvoll der Mond. Wankelmütig wie die Weiber, die mit tiefblickenden Augen in den Nachthimmel schauen. Funkenflug.
«Ach Luciana», schrieb eine Freundin vor zwei Wochen. Sie war mit dem Auto unterwegs. «Der Vollmond ist so schön gewesen. Ich musste anhalten, um ihn zu schauen.»
«Da waren diese frühmorgendlichen Nebelschwaden, dicht über dem Boden durch Herbstwiese ziehend», erzählte eine andere Freundin. «Ich musste zur Arbeit. Aber viel lieber wäre ich stehen geblieben. Wollte das Bild der ersten Sonnenstrahlen, die durch den schleierhaften Himmel fielen, festhalten. Diesen malerischen Augenblick schauen.» Funkenflug.
Da war es wieder. Das Schauen. Das Schauen der Frauen.
Ursprünglich wie das Feuer und der Mond. Wolkenschauen. In die Sterne schauen. Tiere schauen. In den Wald schauen … Von aussen mag das aussehen wie faules Rumsitzen. Die macht ja nix. Die sitzt da nur und glotzt. Aber oho! Da passiert viel mehr. Das innere einer Frau ist ein Universum. Darinnen werden Galaxien geboren, Sterne gestorben, Sternschnuppen gefangen, Planeten kreiert, Kometen geritten und Spiralen getanzt. Das ist essenziell. Frauen finden im Schauen Inspiration, Kraft, Verständnis, Klarheit und vieles mehr.
Im besten Fall können sie das Geschaute in sich transformieren, daraus etwas schöpfen und vom Innen nach aussen tragen, wo es wieder geschaut werden kann, transformiert, daraus geschöpft … Schauen ist ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und Kreise zieht.
Frauen (nicht alle) schauen nicht nur für sich selbst. Sie (nicht alle) schauen für das Ganze. Wir (alle) müssen dem Schauen mehr Raum geben. Tief, weit, hinein. Hinschauen. Nicht mehr Wegschauen. Mehr Raum für die vielen wertvollen, wichtigen, weiblichen Eigenschaften, die von Männern (nicht allen) noch immer herabgewürdigt, weil nicht verstanden werden.
Das regt in mir die Lust, ein Feuer zu legen. Stattdessen entzünde ich eine Kerze für die armen Seelen der Unverständigen; eine für die Männer, die reif genug sind «weibisch» zu sein, sich ebenfalls dem Schauen hingeben können – ohne Druck, dieses Schauen zu verfestigen, greifbar zu machen.
Schwupps – zwei Stunden sind um und ich habe nichts gemacht, ausser ins Feuer zu schauen.
Nichts. Genau.
Autorin: Luciana Brusa
Fotos fürs Schichtbild: Luciana Brusa und Annette Roemer
Und hier gibt’s mehr von uns über Luciana
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