Ein Kuss. Sie findet die große Liebe. Jetzt ist alles gut. Liebesfilme enden so, happy. Ich lächle und bin zufrieden. Ich fühle mich so, wie die Filmemacher*innen es wollten.
Ich lehne mich in die Kissen zurück. Dann schließe ich die Augen. Was um alles in der Welt haben wir uns da in den letzten zweihundert Jahren zusammengepanscht? Ich schüttle mich ein bisschen. Wir haben ein hinkendes wirtschaftliches Konstrukt ins Industriezeitalter geführt, mit sexuellen Vorstellungen durchsetzt und dann emotional überfrachtet bis eine völlige Verwirrung in unser aller Gefühlsleben herrscht.
Vor meinem inneren Auge taucht das Bild von hoffnungslos verknotetem und verwickeltem Garn auf. Ich seufze. Dann will ich mal die Fäden, die ich unterscheiden kann, herausfriemeln. Wir Menschen bilden Gemeinschaften. So überleben wir. Ein System, das Vaterschaft in seinem Mittelpunkt hat, muss sicherstellen, dass die Kinder in einer Kerngemeinschaft von einem biologischen Vater stammen. Daher stehen im Zentrum ein Mann und eine oder mehrere Frauen, die ihm treu sein müssen, damit sie nur seine Kinder austragen. Wir nennen das Familie. Darum herum gibt es Geschwister, Eltern, Angestellte. Bis ins 20. Jahrhundert gab es in Mitteleuropa meistens komplexe Großfamilien, da 70% ! der Menschen unverheiratet blieb. Nicht freiwillig, sondern weil es für eine Heirat den Nachweis brauchte, dass die beiden Eheleute eine Familie ernähren konnten. Und das war nur bei einem Drittel der Menschen der Fall. In den vergangenen Jahrhunderten fielen also Verliebtheit, Kinder bekommen und eine wirtschaftliche Gemeinschaft bilden selten zusammen. Was ist Liebe?
Trotzdem bildete sich mit dem Aufstieg des Bürgertums das Ideal, dass es so etwas wie Liebesheiraten gibt und die Paare bis ans Ende ihres Lebens verliebt sind und romantisch miteinander alt werden. Es überwuchert bis heute die wirtschaftlichen Machtstrukturen mit Süßholz. Es gibt Menschen, die sind in einer lebenslangen Paarbeziehung glücklich. Das ist wunderbar. Das Problem ist, dass sich fast alle an diesem Ideal messen, welches so selten Realität wurde und wird. Die einzigen zwanzig Jahre, wo es, statistisch gesehen, für den Großteil der Bevölkerung die Kleinfamilie gab, waren die 50er und 60er Jahre. Danach begann die Scheidungswelle und heute ist das Spektrum von Beziehungen vielfältig: Patchworkfamilien, Singles, Lebensgemeinschaften erforschen neue Dimensionen des Zusammenlebens. Aber das Ideal? Das hält sich hartnäckig. Er und Sie, Liebe lebenslänglich. Deshalb haben geschiedene oder alleinlebende Personen manchmal das Gefühl, sie wären gescheitert, würden etwas nicht richtig machen. Ich seufze. Auch ich tappe immer wieder in diese Falle. Was also ist Liebe?
Ich stelle den Laptop beiseite. Es ist Zeit, mir die Liebe zurückzuholen. Die Realität ist bunt und fließend und hat das Ideal längst überholt. Ich setze mich an den Rand des Hochbetts und lasse die Beine baumeln. Ich will viele Happy Endings finden, das ist nicht schwer, es gibt sie überall um mich herum: Geschiedene Frauen, die zufrieden und befreit leben. Menschen, die sich dafür entscheiden, asexuell zu leben und platonische Lieben pflegen. Polyamore Situationen. Personen, die ihr ganzes Leben lang wechselnde Partner*innen haben und damit glücklich sind.
In manchen Matriarchaten, die es heute noch gibt, wird die wirtschaftliche und soziale Sicherheit vom Clan garantiert und die sexuellen Liebesbeziehungen sind Privatsache. Wie wäre es, wenn meine Liebesbeziehungen keinerlei Auswirkung auf die Situation meiner Kinder hätte? Wenn mein Wohnen, meine Arbeit, mein Ansehen, meine sozialen Kontakte nicht davon beeinflusst wären? Ich merke, wie eine Last von meinen Schultern fällt, allein bei der Vorstellung. Ich nicke: Ja, das wäre freie Liebe für mich. Zusammensein können mit wem ich möchte, ein Leben lang oder nur für eine Begegnung – ganz wie ich es gerade fühle. Das wäre dann auch der einzige Bereich, den es betreffen würde, meine Laune, meine Gefühle, ganz persönlich und privat.
Dem Ideal der romantischen Liebe zum Trotz ist die Realität unglaublich differenziert und vielschichtig. Jetzt geht es darum, die Realität als gut, als erfüllend anzuerkennen und zu respektieren. Vielleicht auch mit neuen Worten. Ich bemerke, wie wenig ich im Grunde über mein Liebesleben weiß – und wie viele Menschen und andere Wesen ich auf ganz unterschiedliche Weise liebe. Es sieht aus, als gäbe es hier noch viel zu erforschen für mich.
Autorin und Kunststück: Thea Unteregger
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