Bei den uralten Kastanien

Wie Riesen stehen sie da, galaktische Kastanienbäume, uralte Hüterinnen über dem Bodensee. Breit, knorrig, gesellig, tief verwurzelt. Immer wieder bin ich bei ihnen. Unter ihrem Dach rauscht eine uralte Stille, ein Flüstern von Erdenkraft. Ihre Blätter wie Hände, die mir zuwinken und, wenn ich mich an den Stamm lehne, Ruhe und Erdung geben.

Im Herbst werfen die Kastanien ihre Schätze ab, glänzende, magische Kugeln, dunkelbraun, glatt wie polierte Mondsteine. Kastanien, die einst und heute in Medizinbeutel und Jackentasche landen, für Erdung, gegen negative Energien und dunkle Gedanken.

In ihren Früchten liegt alte Heilkraft. Samen, Blüten, Rinde sind seit Jahrhunderten im Gebrauch gegen schwere Beine, schmerzende Gelenke, Krampfadern, Schwellungen, so als ob der Baum selbst die Ströme im Körper wieder ins Fließen bringt. Blätter und Rinde, als Tee oder Umschlag, sollten Fieber senken, Husten lindern, die Haut beruhigen.

Bäume, die nicht nur nähren durch Frucht, sondern durch Kraft. Ihre Medizin ist nicht süß, sondern herb und erdig tief.

Der Duft der Blüten im Frühjahr, betörend süss, lockt unendlich viele Bienen an, als hätten die Naturgeister selbst Nektar verströmt. In alten Zeiten galt die Kastanie als Baum des Übergangs, als Nahrung für die Armen, Medizin für die Kranken, Zeichen für das Werden und Vergehen.

Die Kastanie steht für Schutz, Fülle, Heilung, Wandel und erinnert an das Spielerische im Leben.

Kinder sammeln die glänzend glatten Früchte, mit Freude, nichtwissend oder vielleicht doch, dass sie Seelenkerne sammeln, kleine Speicher von Lebenskraft, Erdenergie und Wandel.

Wir sammelten als Kinder säckeweise Kastanien für das Hallische Schwein unseres Opas und hatten nen Riesenspass am Schmatzen und Gesuhle der Sau.

Erinnerst du dich ans Kastaniensammeln, was hast du mit ihnen gemacht?

Und was machst du heute damit?

Wenn ich unter den Kastanien sitze, spüre ich das Herz der Erde, langsam, ruhig, ewig.

Autorin und Foto: Annette Roemer

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