Toröffner Beifuss

Über Spüren, Wissen und den Beifuss

Ich wollte eigentlich über den Tod schreiben, über Begegnungen, die ich schon haben dufte. Neulich ist mir der Tod aber wieder etwas zu nahegekommen und mir wurde klar, dass ich gerade eine Pause brauche. Als ich zur Aufbahrung ging, wuchs auf einem Grab Beifuss, viel Beifuss… Er nickte mir zu und ich wusste, so soll es sein.

Der Tod kann warten, still und geduldig, so wie er es meistens tut.

Es soll der Beifuss sein, über den ich schreibe, mein Bauch hatte gesprochen.
Beifuss, Una, die letzte Pflanze, die laut keltischem Sammelkalender gesammelt werden darf. Dann ist Schicht im Schacht und unsere grünen Freunde haben sich ihre Winterpause verdient. Wozu er verwendet werden kann, sei es als Ritual, Räucher- oder als Frauenpflanze, wissen die meisten. Er ist nicht grundlos seit der Steinzeit eine DER Pflanzen – und nicht grundlos eine meiner Lieblingspflanzen (aber sagts den anderen nicht). Er kann aber noch mehr, seine Blütenessenz gilt als Essenz der Öffnung, Intuition und inneren Klarheit.

Was haben wir früher noch alles gewusst; wir wussten, wann wir zu säen hatten, wir spürten unsere Körper, wir spürten den Mond, wir spürten, wann unsere Körper bereit zur Aufnahme waren (um dann wiederum den Zeitpunkt der Geburt zu spüren), wir spürten nahende Gewitter, wir spürten, wann das Brot fertig war, wir spürten, wann wir ernten sollen, wir spürten, welche Pflanze uns wohlgesinnt war und welche wir vielleicht eher ein bisschen dosiert konsumieren sollten, wir wussten, wie der Winter werden würde…

Wir spürten tagein tagaus. Wir spürten nicht nur, wir WUSSTEN.

All dieses Wissen haben wir Jahr um Jahr über die Zeit verloren, wir haben es ausgelagert an die Technik, an Ärzte, haben uns verunsichern lassen durch wissenschaftliche Studien.
Bauchgefühl, Intuition? Das sind 40.000 Aspekte, die jede Sekunde wahrgenommen werden, weitere 40 Millionen werden registriert und in unserem Gehirncomputer abgespeichert. – Das ist alles. Nix besonderes. Kalt, wissenschaftlich… fernab des Urmenschlichen. Der verzweifelte Versuch, etwas erklärbar zu machen, was man nicht erklären kann.

Erklärungen geben Sicherheit und einmal mehr sind auch weitere Aspekte des weiblich Mythischen entmystifiziert. Es gab eine Zeit, da wurde das Wissen geradezu verteufelt; wie konnte es sein, dass Mensch weiss, was nur Gott wissen darf, dass Mensch Dinge weiss, die sein Überleben gesichert haben, seine Ernährung, die Fortpflanzung. Ab ins Feuer. – Zum Glück hatte die Inquisition nicht so viel Erfolg, als es darum ging, das innere Wissen auszulöschen, da sind doch Apps und Google wesentlich subtiler unterwegs.
Nene, Madame, du denkst vielleicht, du hast deinen Eisprung, aber ich App sage dir… (haha wie viele Verhütungsappsbabys ich doch kenne).

Gut, mag man denken, und was hat das jetzt mit dem Beifuss zu tun? Alles.

Die Beifuss-Essenz kann uns wieder für das alte Wissen, welches wir noch in uns tragen oder welches uns gegeben wird, öffnen und vor allem kann sie uns das Vertrauen in unser Wissen zurückgeben.
Bei all der Idealisierung des alten Wissens will ich aber nicht unterschlagen, dass wir in einer diesbezüglich schwierigen Zeit leben.
Zuviel Erreichbarkeit, zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Licht, zu viele Geräusche, Tonnen an Energien, die fast täglich auf uns reindonnern. Spüren braucht Stille (und spüren kann zuweilen schmerzhaft sein.)

Mein Ursein kommt den ganzen Entwicklungen nicht hinterher, es überfordert mich. Zunehmend merke ich, dass ich damit nicht allein bin. Mir fehlt Raum, Stille und vor allem bauchte ich das Vertrauen, dass die mir unbekannte Stille mich nicht verschlingen würde.

Wir Menschen haben den Hang in Extremen zu funktionieren, solange bis wir die Balance gefunden haben, etwas, das ich im Grossen wie im Kleinen dauernd beobachte. Wir kippen von einem Extrem ins andere, bis wir die Balance erreicht haben. (Ich persönlich finde es auch recht beruhigend, dieses tiefe Vertrauen, dass alles irgendwann eine Balance finden wird, sei es bei mir, oder in der Welt. Es muss so sein, alles ist und war schon immer Balance.)

Überfordert, wie viele von uns sowieso schon sind, ist dann jegliche emotionale Herausforderung das Tröpfchen zu viel, was dazu führen kann, dass wir auch versuchen, uns den Schmerzen der Lebensschule zu verschliessen.
Blöderweise funktioniert das nicht, der Schmerz eitert einfach ungesehen vor sich hin um sich dann irgendwann mit einem grossen *Plopp!* zu entladen.

Da wir aber tendenziell eben Extremisten sind, verschliessen wir uns oft nicht nur dem Schlechten, sondern auch dem Guten – es ist ja nicht so, dass wir getrennte Türchen in der Seele hätten: „Gut, bitte reinkommen“, „Schlecht, bitte zur Tür im Untergeschoss“.
Und auch da kann uns die Beifuss-Essenz helfen. Der Beifuss als Verdauungshelfer hilft nicht nur dem Magen beim Verdauen, sondern auch der Seele. Er kann uns helfen, Vertrauen aufzubauen, auch in die (vermeintlich) dunklen Aspekte des Lebens. Eine Dunkelheit, die nicht bedrohlich sein muss, sondern sich nach anfänglicher Unsicherheit auch warm und geborgen anfühlen kann, wie ein Moosbett in einer Vollmondnacht.

Der Beifuss öffnet uns für die tiefen Aspekte unseres Seins, unser tiefes Wissen, das Unerklärliche, er hilft uns, in Fluss zu kommen und Vertrauen zu fassen…

Eine Hand legt sich auf meine Schulter „vergiss die Ahnen nicht“…
Wuas?!
Die Ahnen, die mich von Wölfen haben attackieren lassen (ok, der eine hat sich als Hund rausgestellt, Detail), die mich in den Weiten Kareliens in den Wald gescheucht haben, um da Erde und Wurzel zu holen.
Meine Ahnen, die, kaum hatte ich die Wurzeln gezogen, ein unerklärliches Donnergrollen haben ertönen lassen und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, sprang da aus dem Nichts ein Wolf (der ja dann eben ein Hund war) aus dem Gebüsch auf mich drauf… – Und als ob das wiederum nicht genug gewesen wäre, durfte ich dann, als ich zitternd den Weg gefunden hatte, feststellen, dass ich blutüberströmt war. Die Ahnen, die mich wochenlang nicht haben schlafen lassen, die Ahnen, die… neinnein, merci bien…

„Nein“ sagt die Stimme ruhig „halt’s allgemein…“
Meine Teetasse zittert… Ich habe verstanden.

Der Beifuss kann auch helfen, die Verbindung zu den Ahnen herzustellen, dem Wissen der Ahnen, und kann helfen, ein Vertrauen in sie aufzubauen. In diesem Sinne mögen unsere (wohlwollenden) Ahnen einen Blick auf uns haben und uns darin bestärken, dass wir von mehreren Billionen starken Schultern getragen werden.

Denn das werden wir.

Text und Foto: Lina Engler

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