Sonne und Monde

Frauen, kommt in eure Kraft!

Der Mond symbolisiert die weibliche Kraft. Aber warum eigentlich? Warum nicht die Sonne, die im Deutschen mit uns Frauen das weibliche Geschlecht gemeinsam hat? Eine feministische Streitschrift für DIE Sonne und DEN Mond.

Unter uns Frauen ist es verbreitet, den Mond „die Mondin“ zu nennen und damit einzufordern, dass dieser Himmelskörper endlich wieder zu uns Frauen gehört. Wieder?
Innerlich rege ich mich jedesmal tierisch darüber auf, über diese „Mondin“. Ich liebe den Mond, keine Frage! Und ich liebe Männer. Ich aber bin die Sonne.

Ups! Das lässt mich gleich zusammenzucken, soviel Selbstbewusstsein, darf ich sowas wirklich schreiben? Oder ist das größenwahnsinnig? Aber es stimmt nun mal, in unserer Familie bin ich vielmehr die Sonne oder die Erde als der Mond. Ich bin diejenige, die zuverlässig und regelmäßig mindestens zwölf Stunden am Tag für unsere zweijährige Tochter präsent ist, ihr Wärme und Nahrung gibt. Für mich ist das ganz selbstverständlich, schon allein deshalb, weil ich sie neun Monate lang in meinem warmen Bauch mit mir herum getragen habe und sie später eineinhalb Jahre lang die Milch aus meinem Busen genuckelt hat. Mein Mann war da immer etwas neidisch. Obwohl er ja auch lebensnotwendige Aufgaben in unserer Familie erfüllt. Was die Ernährung anbelangt, sorgt er dafür, dass bei uns hin und wieder Fleisch auf den Tisch kommt. Er ist quasi der Jäger. Und nicht nur arbeitsbedingt ist er mal da, mal weg. Trotzdem entspricht er dem Launischen des Mondes genauso wenig oder viel wie ich.

Am wankelmütigsten ist wohl unsere Tochter. Ihre Emotionen wandern binnen weniger Minuten von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt und wieder zurück. Sie ist die Mondfühligste von uns dreien. Und sie spiegelt unser Verhalten, wie der Mond die Sonne reflektiert. Die Kinder und der Mond, das passt für mich.

Ich bin stolz darauf, dass ich dem Geschlecht der Sonne angehöre. Frauen und die Sonne, diese Verbindung hat eine lange Tradition, viel länger als „die Mondin“. In alten, nicht ganz so patriarchalen Kulturen war der Mond männlich, die Sonne weiblich. In der germanischen Mythologie etwa steuert eine Göttin namens Sol den Sonnenwagen, während ihr Bruder Mani das Mondgefährt lenkt. Die mächtigste Gottheit, die Licht, Wärme und Leben spendet: eine Frau. Der Mond, dieses wankelmütige Gestirn, das mal da war und mal weg: Das waren die Männer, deren Jagdzeiten sich am Licht des Mondes orientierten. Waren sie kurz vor Vollmond weg zum Jagen, zogen sich die Frauen zurück in die Höhle, in die schützende Gemeinschaft mit anderen Frauen und Kindern, und bluteten. Waren die Männer rund um Neumond da, schliefen sie mit den Frauen. Im Lauf der Evolution hat sich die menschliche Natur dem Mondrhythmus angepasst, um den Erhalt unserer Spezies zu sichern.

Vor rund 2000 Jahren eroberten die Römer die Welt. Der Mond bedeutete den Männern nicht mehr ganz so viel, denn sie kamen auch ohne Jagen und Sammeln zurecht, weil sie andere für sich arbeiten ließen. Ihre patriarchalische Kultur brach die Kraft der Frauen, nahm ihnen die Sonne und überließ ihnen dafür den Mond. In den romanischen Sprachen wurde der Mond zu la lune und la luna. Die Sonne wurde zu le soleil, il sole oder el sol. Nur in der deutschen Sprache hat sich dieses mächtige matriarchalische Erbe erhalten. Und nun kommen ausgerechnet die Frauen daher und wollen es ändern?!

Dafür zu streiten, dem Mond anzugehören, obwohl man eigentlich sonnengleich ist: Das fühlt sich für mich an wie eine Regentin, die lieber zu den Bewunderern um sie herum gehört anstatt die Macht des Regierens anzunehmen – die auch eine große Verantwortung bedeutet. Beispielsweise möchte ich als Mutter meine Tochter lehren, gut mit ihren Gefühlen umzugehen. Wozu ich natürlich selbst gut mit ihnen umgehen muss. Mit ihren und mit meinen Gefühlen, mit meinem inneren Kind. Eine große Aufgabe für mich, die ich immer aufs Neue übe. Aber wäre ich deshalb lieber einer der kleinsten Trabanten in unserem Sonnensystem, der immer nur um andere herumkreist? Der nie von selbst strahlt, sondern lediglich das Sonnenlicht reflektiert?

Liebe Frauen, ihr seid die Sonne, ihr seid die Erde. Liebt den Mond und lernt ihn verstehen! Aber lasst ihn männlich sein! Oder noch besser: kindlich. Und besinnt euch auf eure Sonnenkraft!

Text und Bilder: Dagmar Steigenberger

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Cornelia Künzel

    Liebe Dagmar,
    Sonne oder Mond, was passt zu uns Frauen, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Mal rief mich der Mond, die Mondin, mal die Sonne. Letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen: wir sind beides. Wir gehören zur Mondin, weil sie unser Blut reguliert (oder besser gesagt: regulieren kann, in Zeiten von nächtlicher Helligkeit, egal, ob wir Vollmond oder Neumond haben, funktioniert das ja nicht mehr so einfach). Und wir sind die Sonne, siehe die strahlend weiß gekleidete Braut bei Hochzeiten und der Mann im dunklen Anzug daneben, siehe der weibliche Artikel im Deutschen (und Japanischen).
    Für die Männer bleibt immer noch eine Unzahl von Sternen, nach denen sie greifen können.

  2. Elisabeth

    Die Perspektive wechseln, das gefällt mir. Und die Frauen daran erinnern, selber zu leuchten statt um andere zu kreisen.
    Ich bin definitiv zyklisch wie der Mond. Aber die Sonne sein, da will ich hin.