Seidelbast & Heimweh

Seidelbast im Friedwald und Heimweh - Annette Roemer Spinnerinnen

Bei unserer ersten Begegnung lockte mich zuerst sein betörender Duft, bevor ich ihn überhaupt sah. Ich kniete mich zu ihm, begrüsste ihn, schnupperte an ihm, sog den Duft tief ein und bestaunte die pinklilafarbenen Blüten direkt am Stängel. Ganz oben am Ast zwei, drei kleine grüne Blättchen.

Da stand er.

Der Seidelbast.

Kürzlich zeigte die Spinnerin Claudia ihren Seidelbast in ihrem urig schönen Heilkräutergarten. Meine Gedanken schweiften ab zu meinen vertrauten Seidelbast-Orten an meinem letzten Wohnort. In meinem ganzen Leben habe ich nirgends so lange gelebt wie dort. Ich wusste, wo ich stundenlang sitzen und der Natur lauschen konnte. Die Erde, die Tiere, die Steine, die kleine Buche, die sich wie eine grosse Anakonda windet, das Wasser und die Pflanzen, wir kannten uns. Dort fand und liebte ich Plätze, an denen mich keine Menschenseele sah, wenn ich mich in die Erde legte und lauschte. Mit der Erde verschmolzen. Das Beste am Sein mit der Natur und mit mir. Seelennahrung pur.

Ich wusste, wo die süssesten Belladonna-Beeren wuchsen, wo der betörendste Seidelbast steht, wo es Harz vom Efeu und den Eiben gibt, wo die Wildsau mit ihrer quietschfidelen Rotte durchspaziert. Wo der Dachs wohnt. Wo ich unsichtbar bin.

Als ich Claudias Seidelbast sah, spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben Heimweh. Heimweh nach dem geliebten Wald, so vertraut wie mein Medizinbeutel. Nach einem Ort, an dem ich weiss, wo ich mich wohlig fühle, wo ich sein kann, wo ich draussen unbemerkt sitzen kann, wo der Seidelbast wohnt.

Heimweh nach vertrauten Naturorten.

Nach unsichtbar machenden Schwellenorten.

Nach Kraftplätzen.

Nach Begegnungen mit Vertrautem.

Im Aussen und Innen.

Ganz ehrlich … ich kannte das Gefühl von Heimweh bis dato nicht. Wenn andere davon erzählten, konnte ich es mir kaum vorstellen. Dieses Gefühl, diese Sehnsucht, dieses seltsam Wohlige im Heimweh war mir bisher noch nie begegnet.

Kurz darauf ging ich los mit meinen liebsten Weggefährten. Ich erzählte von Claudias Seidelbast und von diesem brandneuen Gefühl namens Heimweh. Und davon, dass ich mich sehr freuen würde, auch hier, an meinem neuen Ort, solch vertraute Plätze zu finden. Ich witzelte noch, dass meist die Orte mich finden und nicht ich sie.

Und was soll ich dir sagen …

Bähmm.

Da stand er.

Der Seidelbast. Gross, verzweigt. Lila leuchtend. Genial duftend.

Ich war sehr berührt und freute mich unbeschreiblich, konnte es kaum glauben. Fast meinte ich, ein schelmisches Lächeln zu spüren. Der Spirit des Seidelbasts hatte mich schon beim allerersten Mal gepackt. Ich träumte von ihm. In meinen Träumen war er mein Mutmacher. Einer, der Wankelmut und zu viel Abwägen einfach in Erdlöchern verschwinden lässt. An ihm zu schnuppern macht mutig und schenkt klare Entscheidungen.

Manchmal findet man die magischen Orte nicht.

Manchmal finden die Orte dich.

 

Autorin und Fotos: Annette Roemer

 

Übrigens: Der Seidelbast ist giftig und streng geschützt. 

Mehr Wissen über den Seidelbast findest du in dem genialen, 800 Seiten starken Buch «Die Kräuter in meinem Garten» von Sigrid Hirsch bei uns im Lädeli.

Seidelbast im Friedwald und Heimweh - Annette Roemer Spinnerinnen

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Eva-Maria

    Oh wie wunderbar, ein neues Gefühl entdecken: Heimweh.
    Das kann nur eine erfahren, die selbst in sich tief beheimatet ist.
    Vielen Dank fürs Teilen dieser Geschichte und danke für die Inspiration, dass ich meiner Freundin Daphne (=Seidelbast) zum Geburtstag im März diese Pflanze schenken werde. 🙏🏻
    Herzliche Frühlingsgrüße, Eva Maria

    1. Annette Roemer

      Was für ein schönes Geschenk, liebe Eva-Maria.
      Und ja, vor ein paar Montane hätte ich noch steif und fest behauptet, das ich niemals Heimweh haben werden. Scho schnell gehts.
      Grüssle zu dir