Raunächte

Raunächtliche Verwirrung

Wann beginnen sie denn jetzt eigentlich, die Raunächte? Mit der Wintersonnwende, der Thomasnacht vom 20. auf den 21. Dezember? Oder erst mit der Heiligen Nacht vom 24. auf den 25. Dezember? Oder sind sie mit dieser Nacht gar schon zu Ende?

Es gibt viele Varianten, die Raunächte zu zählen. Und alle haben irgendwie ihre Berechtigung. Denn bei allen dreht sich das Geschehen um einen zentralen Punkt, und das ist die Wintersonnwende. Heutzutage haben wir das Glück, dass Maschinen für uns die Berechnung übernehmen und wir nur ins Internet zu gehen brauchen, um den exakten Zeitpunkt der Wintersonnwende zu erfahren: Am Dienstag, den 21.12. um 16.58 Uhr mitteleuropäischer Zeit erreicht die Sonne den tiefsten Punkt in ihrem täglichen Zenit.

Früher war eine solche Vorhersage sehr viel schwieriger. Die ersten, die das konnten, waren nicht die berühmten Sterngucker der Babylonier. Auch nicht die Ägypter oder eine andere Hochkultur. Es war ein Volk, das als barbarisch galt und dessen Stämme außerdem nicht mal eine gemeinsame Kultur hatten: die Kelten!

Jahrtausende lang hüteten die Menschen des Nordens einen astronomischen Wissensschatz, dank dem sie es sogar bis in die griechische Mythologie schafften: Leto, die Mutter des Sonnengottes Apollon und der Mondgöttin Artemis, stammte aus Britannien. Und Apollon musste alle 19 Jahre – so lange dauert es, bis der Mond zu einem bestimmten Jahresdatum wieder in derselben Phase steht – in die Heimat seiner Mutter zurückkehren, um mit der Hilfe der Britannier das Sonnenrad neu zu justieren. Grund dafür war vermutlich die prähistorische Sternwarte von Stonehenge, entstanden vor ungefähr 4500 Jahren. Mit der Hilfe dieses monumentalen Steinkreises konnten die keltischen Druiden die Sonnwenden, Sonnen- und Mondfinsternisse vorhersagen – und das sogar 300 Jahre im Voraus.

Warum ausgerechnet die Druiden zu solchen Berechnungen fähig waren? Zum einen liegt das an den im Norden stark ausgeprägten Jahreszeiten, die das Wissen um den Zyklus eines Sonnenjahres  überlebensnotwendig machten. Zum anderen ist es im Norden einfacher, die schwankende Bahnhöhe der Sonne zu beobachten; nahe dem Äquator, wo die Hochkulturen Babyloniens und Ägyptens zuhause waren, zieht die Sonne nämlich eine annähernd gleich bleibende Bahn über den Himmel. Deshalb maß man die Zeit dort hauptsächlich mit der Hilfe des Mondes mit seinen wechselnden Phasen. Und nahm es beim Sonnenjahr nicht ganz so genau.

Aber zurück zu den Raunächten: Durchschnittlich fehlten dem Mondjahr 11 ¼ Tage zum Sonnenjahr, das mit der Wintersonnwende begann. Für die einen sind die Raunächte deshalb die Zeit zwischen Sonnen- und Mondjahr: also die 12 Nächte vor der Wintersonnwende. Für die anderen startet die „Zeit zwischen den Jahren“ erst mit der Wintersonnwende, denn für die Kelten begann das neue Mondjahr mit dem ersten Vollmond nach der Wintersonnwende. Und wie kommt es zu den Rauhnächten ab dem 24./25. Dezember? Daran sind die Römer schuld! In deren julianischem Kalender fiel die Wintersonnwende nämlich auf den 24./25. Dezember. Doch dieser Kalender hinkte der eigentlichen Sonnenzeit bald um einiges hinterher – teilweise sogar um mehr als ein Jahr! Deshalb wurde im 16. Jahrhundert schrittweise der neue gregorianische Kalender eingeführt, der noch heute gilt und nach dem die Sonnwende immer auf den 20./21. Dezember fällt.

Die beiden wichtigsten Raunächte sind folglich der alte und der neue Sonnwend-Termin. Die Silvesternacht als Übergang zwischen dem alten und dem neuen Kalenderjahr ist die dritte wichtige Rauhnacht. Die vierte und letzte wichtige Rauhnacht ist die Nacht auf den 6. Januar, der im Germanischen der „Dreizehnte Tag“ heißt – gezählt nach dem julianischen Kalender-Datum für Sonnwend. Das Ende der „Zeit zwischen den Jahren“ ist also ähnlich bedeutend wie ihr Beginn.

Wer jetzt meint, nun sei ja alles klar, für den- oder diejenige gibt’s noch ein Extra-Zuckerl: Die Durchlässigkeit der Grenze zwischen realer Welt und Anderswelt ist am ersten Vollmond nach der Wintersonnwende am stärksten – denn das ist die längste, intensivste Vollmondnacht des Jahres. Man könnte seine Rauhnachtsrituale also auch danach richten und sechs Nächte vor diesem Vollmond beginnen …

Autorin: Dagmar Steigenberger
Foto: stone-henge-simons41 auf pixabay

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Christine Kostritza

    Was für ein herrlicher Rauhnachtsknoten – nix ist fix ! Jedenfalls sollte ich am 6.Januar fertig sein, das schaffe ich. 😉😊💛 Dankeschön und eine wildschöne Zwischenzeit.