Pingilismus

Pingilismus - Susanna Amberger - Spinnerinnen und Netzweiber

Pingilismus, der
Aussprache: pɪŋɪˈlɪsmʊs
Wortart: Substantiv, maskulin
Genitiv: des Pingilismus
Plural (selten): die Pingilismen

Etymologie

Der Pingilismus bezeichnet eine Haltung, die über bloße Genauigkeit  oder Pedanterie hinausgeht und sich zu einer weltanschaulichen, familiären, spirituellen oder gesellschaftlichen Grundhaltung verdichtet hat. Der Begriff setzt sich aus dem Adjektiv pingelig und dem Suffix -ismus zusammen, das auf eine Lehre, Geisteshaltung oder charakteristische Praxis verweist.

Entwicklung und Verbreitung

Frühformen des Pingilismus wurden bereits im späten 20. Jahrhundert festgestellt. Seine ausgeprägte Form zeigt sich besonders im frühen 21. Jahrhundert, vor allem in Kommentarspalten, Familiengesprächen, spirituellen Kreisen, Vereinsstrukturen, WhatsApp-Gruppen und (un)sozialen Medien.

Bedeutung

Pingilismus bezeichnet die Neigung, alles besser zu wissen, vorschnell zu korrigieren, zu relativieren oder mit Einwänden zu versehen, noch bevor der eigentliche Gehalt überhaupt erfasst wurde. Charakteristisch ist ein ausgeprägter Korrektheitsdrang bei gleichzeitig mangelnder Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten oder im Zwischenraum zu verweilen.

Besonderheiten

Der Pingilismus erkennt selten sich selbst. Er sagt:

Ja, aber.
Das stimmt so nicht ganz.
Das interpretierst DU jetzt da hinein.
Da muss man schon unterscheiden.
Also ich würde das anders formulieren.
Das ist jetzt aber nicht wissenschaftlich.
Ich wollte nur sagen.

Erscheinungsformen

  • Familiärer Pingilismus

 Tritt häufig in Herkunftsfamilien auf. Kennzeichnend ist die frühe Schulung im „Wenn“, „Aber“ und „Eigentlich“. Betroffene lernen früh, dass aufsteigende Emotionen zunächst argumentativ abgefedert werden müssen. Das ABER tritt vor das Fühlen. Der Trigger wird nicht betreten, sondern verhandelt.

  • Spiritueller Pingilismus

Eine verfeinerte Erscheinungsform. Äußert sich durch erleuchtete Korrektur, geHEILtes Besserwissen und transformierte Überlegenheit. Leitsatz: „Ich bin ganz bei mir, aber du machst es falsch.“

  • Digitaler Pingilismus

 Verbreitet sich bevorzugt in Kommentarspalten, sozialen Medien und spirituell aufgeladenen Verkaufsräumen. Kennzeichnend sind spontane Einwände, ungefragte Präzisierungen, reflexartige Aber-Nachreichungen sowie der Hinweis, dass wahre Transformation derzeit mit 25 Prozent Rabatt erhältlich sei, sofern umgehend gebucht werde.

  • Ästhetischer Pingilismus

Befällt Menschen, die an allem etwas auszusetzen haben, auch an Drachen, Schwellen, Texten, Träumen und Bohnendosen.

Abgrenzung

Pingilismus ist nicht mit echter Sorgfalt zu verwechseln. Während Sorgfalt der Präzision und Wahrhaftigkeit des Ausdrucks dient, richtet sich der Pingilismus primär auf Einwand und Relativierung und dient vollumfänglich dem „Aber“.

Verhältnis zu Drachen

Drachen gelten in der Forschung als natürliche Gegenwesen des Pingilismus. Sie bewegen sich bevorzugt im Zwischenraum: zwischen den Schichten, zwischen den Dimensionen, zwischen „Wenn“ und „Aber“. Bei starker pingilistischer Verdichtung reagieren Drachen mit Feuerspeien. In seltenen Fällen endet der Vorgang mit vollständigem Verzehr.

Bekannte Gegenmittel

Als bekannte Gegenmittel gelten:

  • Zwischenräume
  • Drachen
  • unperfektes Machen
  • Lachen
  • durchgeknalltes Hüpfen um das Feuer
  • das Feuer per se
  • Gehen, bevor man sich rechtfertigt
  • ein weißer Hirsch
  • ein Eichelhäher
  • BohnenDosen-Upcycling
  • Schweigen mit Würde
  • echtes, herzoffenes Zuhören

Beispielsatz

Sie wollte nur ihren Lohengrin-BohnenDosen-UpcyclingDrachen zeigen, doch der Pingilismus fragte, ob Lohengrin überhaupt ein Drachenname sei.

Siehe auch

  • Aber
  • Ja, aber
  • Besserwissen
  • Zwischenraum
  • DrachenVögel
  • Schwellenwesen
  • Unschubladisierbarkeit

Kategorien

  • Fiktive Weltanschauungen
  • Familienarchäologie
  • Mythische Selbstbeschreibung
  • Spinnerinnenkunde

Anmerkung der Redaktion

Ende des Wikipedia-Eintrags. Weitere Definitionen zur Konkretisierung des Begriffs können gerne bei LaSüSü eingereicht werden.

LaSüSü geht derweil wild ums Feuer hüpfen. Mit ihren Drachen. Hat ja mehrere.

Ahoi!

 

Text und Bild: Susanna Amberger

Und hier gibt’s noch mehr von und über Susanna aka Süsü

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Maria Rodewald

    Coooole Anleitung für den Umgang mit Pi…. bei Anderen und sich selbst. Hihihihi….
    Danke 🙂 :))

    1. LaSüSü

      Ja genau 😂 liebe Maria, der kleine Pingilist wohnt ja nicht nur bei den anderen. Manchmal sitzt er auch bei uns selbst schon mit gezücktem Kommentarfinger da. Und die eigentliche Medizin beginnt ja da, wo wir innehalten und atmen bevor der gezückte Kommentarfinger seines Weges tippt. 😉 – also bei mir ist das (manchmal) so. Danke dir fürs Mitlesen.