ohn(e) macht

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Ohn(e)macht-Macht

Strahlend blauer Himmel, ein paar Kohlmeisen, die lautstark auf der Futterampel diskutieren und ein knospender Kirschbaum.

Veränderungen und Dinge, die bleiben, die Beständigkeit der Natur, die Jahr um Jahr wieder erwacht.

Wir leben gerade in einer wilden Zeit, kein Moment, so scheint es, bleibt, um Luft zu holen, in die Leichtigkeit des Seins zu gehen, obschon wir sie wahrscheinlich alle dringend nötig hätten. Die Welt scheint sich in immer unschönerer Weise immer schneller zu drehen.

Es ist die Angst, die überall, an jeder Ecke spürbar, ja teilweise riechbar ist. Sie schwebt seit Jahren durch die Luft und Angst ist ein schlechter Berater. Sie lässt uns kopflos, wütend und depressiv werden. Die Zeiten, als sie uns durch einen kurzen Adrenalinschub vor dem Säbelzahntiger gerettet hat, sind vorbei.

Täglich werden wir auf fast allen vorhandenen Kanälen mit Themen bombardiert. Reisserische Schlagzeilen und zuweilen schlecht recherchierte Zeitungsartikel, denen es lediglich um Klicks geht. Geschwindigkeit statt Qualität scheint oft das Motto zu sein.

Zahlreiche „Vielleicht“-Aussagen, die am nächsten Tag schon wieder verworfen werden.

Für gewisse Leser macht das keinen Unterschied, denn tief in ihnen wird die Saat der Angst gesetzt und gegossen.

Viele Medien scheinen sich ihrer Verantwortung und dessen, was sie anrichten können, nicht mehr bewusst zu sein.

Aus diesem Grund lese ich momentan keine Zeitung mehr, ich suche noch eine wirklich gute. Es ist keine Gleichgültigkeit oder Ignoranz. Es ist momentan für mich lediglich der einzige Weg, wie ich mich zumindest ein bisschen schützen, bei mir und in meiner Kraft bleiben kann.

Unsere Kraft, die wir jetzt alle brauchen, die in uns und nicht in destabilisierenden Zeitungsberichten oder auf Social Media zu finden ist.

Ich glaube an eine kollektive Heilkraft. Ich glaube, dass wir viel erreichen können, wenn wir uns zusammentun und gemeinsam aufstehen.

Genauso wie uns negative kollektive Energien runterreissen und schwächen können, glaube ich – auch wenn es vielleicht bits utopisch ist solange Geld die Welt regiert – an die Kraft der kollektiven kraftvollen guten Energien. Daran glaube ich fest.

Dafür müssen wir aber den Zugang zu unserer Kraft wiederfinden. Einer Kraft, die jeder in sich trägt und zu der wir vielleicht erst aus der Hilflosigkeit und Verunsicherung zurückfinden müssen.

Und jetzt kommt was ganz Egoistisches, von dem ich nie müde werde, es zu sagen – auch wenn meine Mutter mal fand, es sei ein typischer „Me-Generation-Satz“:

Ich bin niemandem eine Hilfe, wenn ich nicht in meiner Kraft bin, weder für meine Kinder noch für meine Familie noch für meine Liebsten und sowieso nicht für die Welt.

Ja, manchmal ist man ganz unten, hat keine Kraft mehr für gar nichts, und Druck ist das Letzte, was man gebrauchen kann (ich MUSS in meine Kraft kommen, sofort!), … und auch das darf und soll seinen Raum haben dürfen. Es ist Heilung – auch wenn es sich vielleicht gerade nicht so anfühlen mag.

Man darf sich Hilfe suchen, man darf sich helfen lassen, man darf sich um sich kümmern und die Welt mal Welt sein lassen.

Heilung braucht Zeit und bevor man sich Druck macht, schnellstmöglich auf die Beine kommen zu müssen, um die Welt zu retten, darf man sich vielleicht auch sagen, dass – dadurch, dass wir alle verbunden sind – schon der eigene Heilprozess zur kollektiven Heilung beiträgt.

Es sterben nicht mehr Menschen, es wird nicht mehr Frauen Leid zugefügt, es sterben nicht mehr Tiere, wenn ich mir die Zeit nehme, um auf die Beine zu kommen.

Genauso wie (leider) nicht weniger Leid geschieht, wenn ich mich dem Weltschmerz hingebe.

GERADE in Zeiten wie diesen geht es ums Aufstehen – jede und jeder im eigenen Tempo – ums Aufstehen für unsere Welt, für unsere Kinder …

Das kann ich nur, wenn ich für mich selbst aufstehe, mich um mich kümmere und mir erlaube, mich auf einfachste Dinge einzulassen: mich an den Kohlmeisen erfreue, den strahlend blauen Himmel mit offenen Armen empfange, die Sonne in mein Herz lasse und mir dann gestärkt überlege, was ich tun kann, was in meiner Macht steht.

Schon als Kind hat mich der Schmerz der Welt tief getroffen und schon als Kind habe ich mich wild an Unterschriftenaktionen beteiligt und Tiere gerettet – ob sie denn gerettet werden wollten oder nicht. Als Erwachsene durfte ich merken, dass meine Strategie des aktiven Tuns als Kind durchaus sinnvoll und heilsam ist.

Ich kann meine Angst und meine Sorge füttern, mich hingeben oder ich kann aufstehen und mich fragen „was ich TUN kann“ und dann TUE ich.

Kriege kann ich nicht beenden, ich kann keine Wälder retten, ich kann viel zu viel nicht, was ich gerne könnte. Was ich aber kann, ist mich auf mein Können zu fokussieren und wenn ich nur damit beginne, die Welt um mich herum etwas schöner zu gestalten.

Das kann ich, indem ich mich beispielsweise für meine Mitmenschen interessiere, sie aufbaue, ihnen Kraft gebe, zuhöre, spende, heimlich Blumen vor Türen lege, Petitionen unterstütze, heimlich Geschenke mache und der Steuerbehörde ein nettes Briefchen dazulege, es gibt so viele Möglichkeiten.

Lasst uns Blumen- und Saatbomben werfen.

Fokus weg von der Ohn(e)macht – und allem, was sie füttert – hin zu meiner Macht – mit Hilfe der Kohlmeisen und des Kirschbaums – und dann mache ich.

Machen wir?

Autorin: Lina Engler
Streetart: BANKSY – Rage the Flower Thrower, 2003 – danke für dein TUN

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Dieser Beitrag hat 12 Kommentare

  1. Michèle

    Ja, das machen wir, liebe Lina!!!

      1. Christine Kostritza

        Hallo Lina, dein Text hat einen kraftvollen Meisen-Ruf und du schlängelst dich mutig durch die Angst, findest ein paar „Täter“ ( Journalisten …), die dazu taugen im Widerstand die eigene Kraft aufzufinden. Ich möchte mich trotzdem gerne kurz neben die Angst stellen und ihr eine Chance geben – sie gehört zu unserem Weg und ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Sie zwingt uns in ihrem existentiellen Kontext „in die Knie“ und kann zur Schwelle, zum Tor werden. Und sie ist „sau-unbequem“ ! Sie rührt den individuellen, den systemischen und den kollektiven Traumatopf hin und her und es ist so notwendig, dass es Kirschbäume und Meisen gibt!
        Mir der Angst „zu sitzen“, alten Dämonen zu begegnen und dann ausgerechnet an diesem unwirtlichen Ort einem vergessenen Seelenruf zu begegnen – dazu brauchen wir den Kreis und all die vielen Wesen um uns herum. Vermutlich gibt es keine Abkürzung, für unseren persönlichen Heilungsweg und es gibt – manchmal auch sehr blöd – keinen Schuldigen für das „Schlamassel“.
        Vielleicht lauert ja in deiner alchimistischen Küche eine Kirschbaum-Schlamassel-Meisen – Seife – herzliche Grüße Christine

        1. lina

          Hallo Christine
          Danke für deine Worte (ich liebe deine „Schreibe“ 🙂 Uh und ich versuch mich mal 😀
          Du darfst dich sehr gerne neben die Angst stellen, ich glaube das kam falsch rüber. Ich denke, dass all die „unangenehmen Emotionen“ sehr grosse und starke Weiser sein können, bei denen es sich sehr lohnt, genau hinzuschauen. Es geht mir auch nicht darum, vor der Angst davon zu rennen. Ich denke es ist da wichtig genau nachzuspüren; was sitzt in mir, was sitzt in welchem Ausmass in mir und was füttere ich zusätzlich von aussen.
          So ein bisschen wie wenn ich Nachts alleine zuhause sowieso schon Angst vor Einbrechern hätte und dann vor dem Einschlafen noch gruselige Einbrecher-Krimis lese. Dann frag ich mich, ok, woher kommt meine tiefe Angst vor Einbrechern-aber im weiteren auch, muss ich sie denn noch zusätzlich füttern (und falls ja; warum).
          So in etwa.

          (ohhhhh…eine Schlammseife, die heisst dann Schlammassel“ 🙂 )
          liebe Frühlingsgrüsse Dir, Lina

          1. Christine Kostritza

            Hallo Lina, vielen Dank für deine Antwort. So eine „Schlamm-Seife“🙃 wäre wunderbar und ich würde mir daraus einen schlamassel-schönen Schutzschaum machen. Liebste SeifenGrüsse💛

  2. Liebe Lina, du hast ja sooo Recht! Und das machen wir!!
    Jeden Montag und/oder Donnerstag trommeln wir für den Frieden, um 20 Uhr für 10 Minuten. Wir trommeln, rasseln, singen oder meditieren in Stille und schicken Licht und Liebe zu den gebeutelten Menschen in der Ukraine.
    Zusammen sind wir kraftvoll…und wir sind viele!
    Und am nächsten Morgen sitze ich im Garten und freue mich an Krokussen, Schneeglöckchen und den Meisen im Kirschbaum – während mein kleiner Enkel auf der Erde sitzt und hochkonzentriert leere Schneckenhäuschen sortiert –
    Lasst uns MACHEN!!
    Herzlich Marlis

    1. Lina

      Genau so❤️(oder jeder wies ihm passt)
      Danke dir🌸

  3. Michi

    Liebe Lina
    Ich danke Dir für diesen tröstenden, Mut machenden Text….so machen wir’s
    Herzensgrüße Michi

  4. Ilka

    Ja, lass uns Alltagsmagie verströmen, liebe Lina!

    1. Lina

      Alltagsmagie💚genau

  5. Brigitt

    ja genau, liebe Lina, super. Und in diesem ganzen Wahn-sinn bei sich bleiben und immer und immer wieder die eigenen „Störenfrieden“ zu begrüssen und zu begegnen, und vielleicht es es uns möglich, sie zu umarmen und dabei die Kohlmeisen freudig rufend dabei sitzend zu haben – die Frühlingskraft, die auch in uns ruft. Herzlicher Gruss, Brigitt