Neue Lieder

Jedes Jahr an Weihnachten wundere ich mich. Christus ist geboren, kommt auf die Erde, erscheint – einfach so, durch Zauberhand, und dem himmlischen Vater gilt der Dank. Wo ist die Mutter?

Passive Formulierungen in Liedern und Gedichten machen die Frau, die Jesus gebiert, zur Randnotiz. Welches traditionelle Weihnachtslied spricht von der Mutter? Nur eines, in dem Maria durch einen Dornenwald geht. Vielen Dank auch.

Im November gibt es jedes Jahr den Tag gegen Gewalt an Frauen. Selbes Prinzip. Wer verübt denn diese Gewalt? Eine abstrakte Entität? Nein, es sind vor allem Männer. Es müsste heißen: „Tag gegen Gewalt von Männern“.

In den letzten Jahren bin ich achtsamer geworden, was solche passiven Formulierungen angeht, in denen sich das Subjekt aus der Verantwortung stiehlt oder verleugnet wird. Worte tragen Energie in ihren Manteltaschen, sie sind Zaubersprüche und mit jeder Wiederholung verstärke ich ihre Wirkung.

Nach all den Jahren Christuskind und Vater bin ich genervt von der Verdrehung der Tatsachen. Weihnachten ist ein Geburtsfest, es geht um die Geburt des Lichtkindes. Die Hauptdarstellerin bei einer Geburt ist nun mal die Mutter. Sie bringt das Leben hervor, sie bringt es auf die Welt. Alle, die schon einmal geboren haben oder die bei einer Geburt dabei waren, können bestätigen, dass Gebären eine ziemlich aktive Tätigkeit ist.

Ich befinde mich im Mutterbauch des Jahres, dort, wo es dunkel ist. In der Mutternacht sehne ich mich nach neuen Liedern. Nach Worten, die feiern, dass die Göttin das Licht gebiert. Ich will besingen, wie die Sternenfrau die Zeit in ihrem Schoß birgt. Ich will bezeugen, wie nahrhaft die Dunkelheit ist. Ich will an Weihnachten meine Mutter ehren, die mich geboren hat, ich will allen Müttern vor mir und nach mir danken und mein Muttersein segnen.

Ich möchte die Geburt als Prozess anerkennen, das Auf und Ab, die Dehnung und das Weichwerden, die Kontraktion, den Schmerz und den Mut und die Freude. Ich möchte die immense Kraft und die Bereitschaft, über eine Schwelle zu treten, wertschätzen, die wir Frauen für eine Geburt brauchen. Dieses Jahr an Weihnachten will ich mich vor den Geburten verneigen, durch die ich in meinem Leben gegangen bin, durch die unmerklichen und die dramatischen. Dieses Jahr will ich mich an all den Geburten erfreuen, die es weltweit gibt. Jedes Mal, wenn so ein komplexer Vorgang gelingt, ist es ein Wunder.

Ich hole mir Weihnachten zurück, das Geburtsfest, die Mutternächte. Ich verneige mich vor allen Müttern. Ich brauche neue Worte und neue Lieder.

Autorin und Bilder: Thea Unteregger

 

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. ReGUla Kaeser-Bonanomi

    Liebe Thea!
    Wie wunderbar – du bist endlich eine, die das auch benennt!
    Danke dafür!
    Vor zwei Jahren, in einer grossen Krise, als ich an Weihnachten allein zu Hause sass, überlegte ich mir, was mich jetzt retten könnte…ich ging wegen meinen schönen Erinnerungen aus Kindheitsjahren, als noch echte Kerzen am grossen Tannenbaum in der Kirche entzündet worden sind, wieder einmal in den Mitternachtsgottesdienst, zumal ich gelesen habe, dass der von einer jungen Pfarrerin geleitet wird. Sie hat es geschafft, die ganze Feier über den Namen von Maria nicht zu nennen: einmal war es Josefs schwangeres Weib und einmal ward uns der Retter geboren.
    Das darf doch nicht sein!
    Einfach totgeschwiegen!
    Ich war so wütend!
    Zumal ich kurz vorher das erste Mal Grossmutter geworden bin: oh diese weiche runde Mütterlichkeit von Simone, meiner Schwiegertochter, diese hingebungsvolle Zuneigung, dieses Staunen mit jeder Zelle des Körpers über das Wunder, in der Nase noch der Geruch des Neugeborenen – alles abgespeichert in mir von meinen Geburten her und wohl auch von der, als meine Mutter Susanne mich geboren hat…
    Maria – Mutter – ich nenne deinen Namen und ich nenne auch den Namen deiner Mutter Anna und ich nenne auch die Namen der Mütter vor dir: Isis, Uma, Holle…
    Und ich werde deinen Text an unserer Familienweihnachten vorlesen 😉 jetzt erst recht!
    Danke dafür!
    Liebe Umarmung!
    ReGUla

  2. Thea

    Liebe Regula! Vielen lieben Dank für deine Zeilen! Sie ermutigen mich wiederum dran zu bleiben, weil wir Schwestern sind, weil wir viele sind. Das ist auch eine Revolution der kleinen Schritte, der liebevollen Blicke -auch auf uns selbst, der klaren Worte im Alltag, der Achtsamkeit. Da ist es gut immer wieder zu lesen, zu spüren, dass keine von uns alleine ist. Non siamo né matte, ne sole! Wir sind weder verrückt noch sind wir alleine! wie meine italienischen Schwestern sagen. Danke dir!