
Nebel. Für mich oft die hauchdünne Haut zwischen den Welten. Ein Schleier, so dünn, dass die Geister hindurchflüstern können. Viele fürchten ihn und suchen ihn doch. Denn im Nebel wird alles weich, die Konturen, die Sicherheiten, die gewohnten Wege.
Wenn ich im Nebel draussen bin, zieht etwas in mir nach innen. Der Klang verändert sich. Geräusche werden gedämpft, als atme die Erde selbst langsamer. Und plötzlich höre ich mich. Meine Schritte. Meinen Herzschlag. Meine Angst. Meine Zweifel. Meine Sehnsucht.
Ganz nah.
Fast schon zu nah.
Wer im Nebel umhergeht, begegnet sich selbst. Oder geht verloren. Beides könnte dasselbe sein. Vielleicht.
Der Nebel kriecht. Sanft, aber unerbittlich, wie Erinnerungen, die ich lange weggeschoben habe. Er legt sich auf meine Haut, in meine Haare, über meine Augen und bis tief hinein in meine Knochen. Diese feuchte, kühle Dichte, die mich erschaudern lässt. Mein Körper wird Landschaft. Meine Seele wird Wind. Ich werde durchlässig.
Und ja, auch in meinem Kopf gibt es Nebel. Dieses milchige Nichtwissen. Wo war ich? Was will ich? Wo bin ich? Wo ziehts mich hin?
Ich lerne gerade, nicht dagegen anzurennen. Ich übe noch, mich dem Nebel hinzugeben, am Bodensee gibt’s dafür massig Übungsfläche. Ist gar nicht so leicht wie gedacht. Der Nebel fordert kein Tun. Er fordert ein Bleiben. Ein Knochentief. Ein Erlauben.
Fast Unsichtbares wird sichtbar, wenn ich nicht mehr versuche, es zu greifen.
Etwas zeigt sich mir.
Vielleicht ein Gedanke, der wie ein Fuchs aus dem Schilf schleicht.
Vielleicht Tränen.
Vielleicht Stille.
Der Nebel hat keine Eile. Er umhüllt, er hält, er wartet. Und dann, plötzlich, hebt sich der Schleier. Nur einen Atemzug lang.
Und ich sehe.
Mich.
Ein wenig klarer als vorher.
Ich weiss, der Nebel ist keine Leere.
Er ist eine Einladung.
Zum Dazwischen.
Zum Noch-Nicht.
Zum Sein.
Und ich trete hinein.
Langsam.
Atmend.
Knochentief.
Mutig.
Und irgendwo in meinem Nebel schwebt Hoffnung.
Autorin und Bild: Annette Roemer
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Ich komme gerade von einem Nebelspaziergang und freue mich über diesen wunderschönen Text. Nebel ist so viel mehr als Grau 🌫️ danke fürs Beleuchten