Die große Steckmuschel (Pinna nobilis)
Vor über 30 Jahren saß ich in der Vorlesung über Modegeschichte und hörte zum ersten Mal von Muschelseide: Eine Faser, die aus dem Faserbart der großen Steckmuschel gewonnen wird, mit dem sich das Tier am Boden festhält. Daraus wurden jahrhundertelang feinste Handschuhe für Erzbischöfe gestrickt, pelzige Täschchen für Königinnen gewebt. Mit Muschelseide bestickten Frauen in Italien Hauben für Kleinkinder und Wandbehänge.
Diesen Sommer war es dann soweit und ich durfte eine der wenigen Frauen kennenlernen, die solch ein kostbares Material verarbeiten: Chiara Vigo in Sant’ Antioco auf einer Insel vor Sardinien.
Sie ist 72 Jahre alt und spinnt, webt, strickt und stickt mit Muschelseide, seit sie ein Kind ist – und zwar in der 28. (!) Generation. Ihr Webstuhl stammt aus dem 17. Jahrhundert. Mit dem Handwerk ist der Schwur verbunden, die Muschelseide nicht für Geld zu verkaufen, sondern ausschließlich der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Den Schwur sagt sie laut auf, auf Sardisch, ich verstehe kaum ein Wort, doch mir läuft ein Schauer über den Rücken. Das sind spürbar starke Worte. „Sie gehört unseren Enkel*innen und Nachfahr*innen“, sagt Chiara Vigo.
Auf Anfrage von Kindern bestickt sie ein Stadtwappen mit Muschelseide, aber auch Altartücher oder Messgewänder für Würdenträger verschiedenster Religionen. Anfragen von Modedesignern, Millionärinnen und anderen Schwerreichen, die ein persönliches Stück bei ihr bestellen wollen, weist sie ab. Der Bürgermeister wollte ihr und der Muschelseide ein Museum widmen, doch als sich herausstellte, dass die Menschen Eintritt dafür zahlen müssen, brach sie das Projekt ab. Sie lebt von Spenden, die Menschen, welche sie besuchen, dalassen. Sie hat keine festen Öffnungszeiten. Sie ist da, wenn sie da ist und weg, wenn sie nicht da ist. Wer sie treffen will, kann anrufen und sich erkundigen, wann sie in ihrer Werkstatt zu finden ist.
Das Kämmen der feinen Fäden und das Spinnen der Muschelseide mit der Handspindel ist aufwändig. Sie singt dabei und besingt auch die Muschelseide selbst. Ein spezieller Cocktail aus Meerwasser und geheimen Zutaten verleiht der Muschelseide ihren goldenen Glanz und macht sie elastisch – nach einem uralten Familienrezept. Entscheidend ist dabei aber der „suono“, das sind die Töne, mit denen sie die Muschelseide im Glas besingt. Chiara Vigo erinnert daran, wie magisch das Spinnen und das Leben überhaupt ist.
Sie fügt sich nicht in unser Wirtschaftssystem, zumindest nicht mit der Muschelseide, weil sie darauf besteht, dass etwas, das so kostbar und selten ist, allen gehört. Sie hat daran mitgearbeitet, dass die Steckmuschel in den 1990er-Jahren unter Naturschutz gestellt wurde. Eigentlich möchte sie das ganze Meeresgebiet schützen lassen und den Bau der Windräder in dieser Gegend verhindern, den die Regierung geplant hat. Ihr Engagement für nachfolgende Generationen versteht sie durchaus politisch.
Chiara selbst hat noch genug unverarbeitete Muschelseide von ihren Ahninnen – damit wird auch ihre Enkelin noch auskommen.
Autorin: Thea Unteregger
Fotos: Andreas Schütz
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So zauberhaft, ich kann nur seufzen…