Öfters.
Immer wieder.
Auf einer Hochalm war es plötzlich da.
Otto.
So nannte ich es, ohne nachzudenken. Etwas befremdlich im ersten Moment, schenken sich mir meine Funde doch meist mit weiblichen Namen oder Umschreibungen. Und jetzt Otto?
Hmmm …
Es ist Mitte August. SternSchnuppenNacht in den Schweizer Bergen. Ich bin wach. Die ganze Nacht. Wetterleuchten. Echter Donner. Blitze, etwas weiter weg. Leichter SommerRegen. Und SternSchnuppenRegen.
Ich schaue. Staune. ErZittere. Lasse mich ein.
Ich zähle Sternschnuppen und verschenke sie in Gedanken an meine Lieben. An mir Nahestehende. Und ich behalte auch welche für mich. Links neben mir der Große Wagen. An seinem langsamen Wandern erkenne ich, dass die Zeit – dann doch – vergeht.
Otto.
Otto heißt auf Italienisch acht. Und plötzlich sehe ich sie vor mir: die Acht. Liegend. Unendlich. Wie der Große Wagen, der in unseren Breiten niemals untergeht. Nacht für Nacht wandert er um den Himmelspol. Teil der Großen Bärin.
Ursa Major.
Sieh an, sieh an. Denn das männliche Murmeltier wird in der südtirolerischen Jägersprache tatsächlich Bär genannt. Ein kleiner alpiner Bär. Jetzt beginnt mein magisches Denken.
Der Bär zieht sich im Winter tief in den Schoß von Mutter Erde zurück. In die Dunkelheit. In die Höhle. Fast wie in einen Scheintod. Und im Frühling kehrt er zurück. Auch das Murmeltier verschwindet in der Erde. Es schläft durch Kälte und Dunkelheit und taucht wieder auf, wenn das Leben zurückkehrt.
Vielleicht erinnert Otto mich an etwas, das tief unten in mir liegt. An etwas, das jetzt nach oben geschaufelt wird. Durch das Sitzen. Das Sehen. Das Staunen. – Dass in der Dunkelheit etwas überdauert. Dass Wiederkehr möglich ist. Wenn sie erlaubt wird. Wenn ich sie erlaube.
Meine Gedanken wandern weiter. Von den Schweizer Bergen hinüber nach Südtirol. Nach Ladinien. Zu den Dolomiten. Zu den alten FrauenGestalten der Alpen. In Südtirol heißen sie Salige oder Ganas. Und dann ist da Lujanta aus der Erzählung vom FanesVolk, eng verbunden mit dem Volk der Murmeltiere. In Graubünden werden diese FrauenGestalten Dialas genannt. Ähnliche Mythen und Sagen gibt es da auch.
Nicht dieselbe Geschichte.
Nicht dieselben Frauen.
Und doch berühren sie in mir etwas Ähnliches.
FrauenGestalten, verbunden mit Bergen, Höhlen, Felsen und Quellen. Mit dem alten Wissen um die Rhythmen der Natur. Vielleicht sind es all diese Bilder, die sich in jener Nacht miteinander verweben:
Die Große Bärin am Himmel.
Die kleinen Bären in der Erde.
Die Frauen im Inneren der Berge.
Und ich dazwischen. Wach. Hellwach. Und dennoch wie in TraumTrance. Irgendwo im rätischen AlpenRaum.
Oben wie unten.
Himmel und Erde.
Graubünden und Südtirol.
Das rätoromanische Band gibt es tatsächlich. Zu hören besonders an der Sprache. Und es zieht sich durch Landschaften, Namen und alte Erzählungen.
Vielleicht ist Otto eine Acht.
Vielleicht ist die Acht eine Brücke.
Vielleicht bin auch ich eine Brücke. Hier. Jetzt. – Oder schon immer? Darf ich mir das erlauben? Vielleicht ist das die große Frage dieser Nacht.
Diese Brücke in mir.
Es reicht, wenn ich sie fühle.
Ich muss nichts beweisen.
Vielleicht ist genau das Ottos Einladung: Tief in mich zu horchen. Einzutauchen. Zu verschwinden in das, was ich längst weiß, ohne sagen zu können, woher. In mein tieferes Wissen.
AhnenWissen. FrauenWissen. UrWissen.
Langsam wird die Große Bärin blasser in der MorgenDämmerung. Ich sitze immer noch da. Hellwach und doch wie träumend, mit all diesen Bildern in mir. Da reißt mich ein MurmeltierPfiff aus meiner TraumTrance.
Otto.
Natürlich.
Danke, Otto.
Danke.
Kunststück und Text: Susanna Amberger
Inspiriert durch einen Text über magisches Denken der von mir sehr geschätzten Nicole Höffgen. Danke an dieser Stelle.
Und hier gibt’s noch mehr von und über Susanna aka Süsü
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Dein SeelenBesenWesen
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Die Spinnerinnen
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Ich gehe gerade so sehr in Resonanz… Bärin Otto 💜
Oh, das freut mich sehr. 💜 Otto scheint gerade seine Kreise zu ziehen – und dabei Brücken zu bauen – vielen Dank liebe Ilka für deine Worte