Die Erdkröte - Hüterin unseres Platzes und meisterhafte Lehrerin der Geduld.
Sie tauchte ein paar Wochen nach unserem Umzug an den Seerhein einfach so auf. Machte es sich am kühlsten Platz unter der Gartenbox bequem. Ein prachtvolles KrötenWeib, gross, schwer, selbstbewusst. Seitdem spüre ich: Dieser Ort hat eine Hüterin. Und eine Nacktschneckenfresserin. Da hüpft nicht nur mein Gärtnerinnenherz.
Die Erdkröte lebt nah an der Erde. In feuchten Ecken, im Wald, in der Dunkelheit der Wurzeln, wühlt sich tief in die Erde, fühlt sich wohlig im Unsichtbaren. Nicht jeder findet sie so magisch schön wie ich. Egal. Ihre Haut kühl und hubbelig, ihr Blick ruhig, ihr Körper weich und schwer. Sie trägt Tiefe und Ahnung in sich. Und Geduld. Viel Geduld. Erdkröten brauchen Jahre, bis sie geschlechtsreif sind, zwei, drei, manchmal mehr. Manche werden über zehn Jahre alt. Sie wissen von der Ewigkeit. Und vom Unausweichlichen.
Aus dem urig alten Friedwald oberhalb von Tägerwilen machen sie sich auf den Weg zum Seeufer. In nassen Nächten. Langsam, unbeirrbar, zielgerichtet. Die Erdkröten folgen keiner Erinnerung im Kopf, sondern einer Erinnerung im Körper. Es ist ein Weg, der älter ist als Strassen, älter als Zäune, älter als wir.
Die Weibchen sind die grossen Körper dieser Wanderung. Kräftig, tragend, entschlossen. Nicht selten tragen sie die kleineren Männchen auf dem Rücken, oft über erstaunlich weite Strecken. Vom Friedwald ans Bodenseeufer ist es auch nicht gerade ein Katzensprung, mit einer knackigen Hauptstrasse und Bahngleisen dazwischen.
Zwei Wesen, ein Rhythmus, ein Ziel.
Am Wasser angekommen, legen die Weibchen ihre Laichschnüre ab. Lange, klare Perlenketten mit schwarzen Punkten aus Leben, gewoben um Pflanzen, Wurzeln und Äste. Tausende Möglichkeiten. Ein Geschenk an die von morgen.
In alten Überlieferungen ist die Erdkröte eine Schwellenhüterin. Sie kennt die Übergänge zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod. Man sagte, sie wisse um Gifte und Heilmittel, um das Dunkle, das heilt, und das Helle, das zerstören kann. Heilerinnen und Kräuterweiber achteten sie, nicht als niedliches Wesen, sondern als Verbündete des Wandels.
Wenn ich meiner Erdkröte begegne, begegne ich der Erde selbst. Der dunklen, feuchten, fruchtbaren Erde. Sie erinnert mich daran, dass Tragen eine Kraft ist. Dass der Weg manchmal langsam und beschwerlich ist. Und dass das Leben immer wieder den Mut findet, sich auf den Weg zu machen.
Sie geht ihren Weg, auch wenn er gefährlich ist. Lässt sich nicht ablenken, nicht hetzen. Sie weiss, dass das Wasser wartet. Und ohne diesen Weg gibt es keine Zukunft für die, die nach uns kommen.
Wenn ich in diesen Tagen einer Kröte am Seerhein begegne, sehe ich nicht nur eine Erdkröte. Ich begegne einem uralten Versprechen in meinen Knochen, dass mein Leben immer wieder den Mut findet, dem inneren Kompass zu folgen.
Vom Wald zum Wasser. Von der Tiefe ins Sein.
Auch wenn eine Hauptstrasse dazwischen liegt.
Text und Fotos: Annette Roemer
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