Mein hölzernes Schwert

Die Einsiedlerin in mir ruft mich zu ihrer steinernen Hütte im felsigen Hinterland der Küste und reicht mir einen Stock, das hölzerne Schwert, welches mir an Wintersonnenwende in die Hand gefallen ist.

Ich habe schon bemerkt, wie es mich aus meiner Zurückhaltung lockt und von Null auf Nichts in einen spielerisch kämpferischen Moment verführt. Gut fühlt es sich an, mit ihm unterwegs zu sein, und in so spielerische Dimensionen es mich versetzt, so weiss ich auch um die Ernsthaftigkeit, die im Geschenk dieses Werkzeugs liegt. Es richtet mich auf, lässt mich klar entscheiden, hinter mir lassen und für das gehen, was jetzt wichtig ist.

Die Einsiedlerin schickt mich auf eine Reise und ich fliege auf meinem Stock durch die sternenklare Nacht und lande an einem rituellen Feuer auf einer Lichtung im Wald. Hier sind Frauen zusammengekommen, die in einer Selbstverständlichkeit tun, was es zu tun gibt. Aus einer tiefen Verbundenheit heraus entstehen Gesänge, Heilrituale und Zeremonien, es wird geschäkert, sich ausgeruht und getanzt. Es ist das Feuer der alten Weisen, wie sie erzählen. Und wie dies gesagt ist, so spannt sich ein Dreieck zwischen drei unterschiedlichen Orten vor mir auf. Vom Platz der Einsiedlerin über die Gemeinschaft der heilsamen Frauen hin zu meiner Alltagspersönlichkeit mit Familie, Freund:innen und Aufgaben des alltäglichen Lebens.

«Alles bist du und alle Bereiche sind gleichermassen von Bedeutung. Achte auf die Balance und dass du alle Qualitäten in voller Hingabe lebst. Erst wenn du jede einzelne mit Haut und Haar erfahren hast und in ihrer Schönheit erkennst, bist du bereit, sie in ein gutes Gleichgewicht zu bringen. Das ist der Same, er ist gesetzt. Und jetzt gehe schlafen und lausche deinen Träumen.» 

Ich habe lange geschlafen, wahrscheinlich über Wochen, und wie ich aufwache, so brauche ich einen guten Moment, um mich zu orientieren. Es ist Frühling geworden, Sonnenstrahlen fallen durch die Ritzen der Holzwände und die Vögel zwitschern. In meiner Rechten liegt mein Schwert und meine Linke liegt auf meinem Unterbauch und verbindet mich mit meiner urweiblichen Schöpferkraft.In meinen Träumen bin ich über zauberhafte Schneelandschaften gewandert und habe in einer spielerischen Selbstverständlichkeit meine Gestalt gewandelt. Mal war ich rehähnliches Wesen, mal Mensch. Ich habe mich dem Berg und dem Schnee unheimlich verbunden gefühlt und mich achtsam dem stillen Stapfen gewidmet, Schritt um Schritt. Ich fühlte mich umgeben von zahlreichen Wildtieren und auch mein Freund der Adler flog mit uns. Alles war friedlich und still, bis sich etwas Wundersames ereignete. Voller Erstaunen entdeckte ich wilde, aus dem Schnee wachsende Blumen – und wie ich mich umsah, so stürzte sich mein Freund der Adler pfeilschnell wie ein Verrückter auf sie. Gerade noch rechtzeitig konnte ich mein Schwert zücken, um die wundersamen Blumen zu schützen. «Haha, ist das etwa eine Prüfung?», fahre ich den Adler an, und mit einem Augenblitzen macht er sich davon in höhere Lüfte.

Schliesslich kam ich auf einem Gipfel an. Eine unendliche Weitsicht über das Nebelmeer tat sich mir auf, und ich wusste unweigerlich, dass es jetzt an der Zeit war, all meinen Mut zu fassen und den Sprung in die Weite des Nebels zu wagen…

Ich spüre noch immer sein grenzenlos gutmütig verspieltes Wesen und wie ich mich, noch voller Aufregung, wahnsinnig aufgehoben und gehalten fühlte. Es war wie ein Baden, ein lustvolles Schwimmen und Schäkern, und das Nebelwesen flüsterte mir zu: «Folge deiner Sehnsucht nach der Einsiedlerin und den heilsamen Frauen und verzaubere den dritten Aspekt deines Seins, deine Alltagspersönlichkeit mit Abenteuerqualität und Stille. Wer weiss, vielleicht findest du eines Tages einen neuen Namen für sie?»

So gehe ich zufrieden nachhause, bedankte mich bei den heilsamen Frauen, dem Nebelwesen, beim Schnee, dem Reh- und den Tierwesen, bei der Wunderpflanze, dem Adler und der Einsiedlerin und zünde in meiner Stube ein Lagerfeuer an, an dem ich mir meine Geschichte nochmals vor Augen führe. In der rechten mein hölzernes Schert, meine Linke auf meinem Unterbauch. Ja, ich bin Schöpferin, wir alle sind Schöpferwesen.

Autorin: Petra Meyer
Fotos: Petra Meyer, Nebelmeer pixaby

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Christine Kostritza

    Hallo Petra, dein hölzernes Schwert eröffnet einen abenteuerlichen Blickwinkel auf die Integration der Alltagswelt. Quasi verkehrtherum, lauert gerade hier dein neuer Name. Das ist schon fast närrisch und belebt mich auf spielerische Weise. Mit „Haut und Haar“ in alle drei Aspekte gehen – statt “ entweder-oder“ – das wird spannend. Und pralle Ostkraft: das Heilige und das Profane! Schwertgrüsse Christine