Mein Hirschgeweih

Mein Hirschgeweih - Graubünden Visionssuche - Annette Roemer

Vor langer Zeit hielt ich zum ersten Mal ein Hirschgeweih in meinen Händen. Es war in einer Lakota-Schwitzhütte. Mit dem Hirschgeweih rückte ich die glühenden Steine zurecht. Jahre später durfte ich für die Schwitzhüttenfrau ihre Abschiedszeremonie halten. Als Dankeschön schenkte sie mir das Hirschgeweih und die kleine Trommel.

Es raschelt im Abhang hinter mir. Ich höre und spüre ein kraftvolles Stampfen in der Dunkelheit. Mir ist, als könnte ich diese mächtigen Tiere riechen. Den Wildwechsel hatte ich schon bei der Platzsuche entdeckt, mit ein Grund, mein Lager etwas abseits aufzuschlagen.

Der Wind leckt mit sattem Schwung über mein Gesicht. Ein Surren durchfährt mich. Was für ein kraftvoll magisches Erlebnis. Mein Herz schlägt bis in meinen Kopf. Hätte ich ein Geweih, es hätte vor Ehrfurcht geleuchtet.

Ich flüstere voller Respekt: „Ich achte euren Platz. Ich bin nur sechs Nächte für meine SchwellenZeit bei euch. Und dann bin ich wieder weg.“

Die vier Hirsche laufen an meinem Lager vorbei auf die Hochebene, eine hügelige Wiese voller Frauenmantel und Murmeltiere.

Meine Nacht ist unruhig, es träumt in mir tausend Bilder und Geschichten: Ich halte mir zwei Hirschgeweihe an den Kopf und springe pfeilschnell durch die Nacht. Das Hirschgeweih liegt auf meinem Körper, während ich in der Anderswelt unterwegs bin. Ich springe über breite Flüsse und benutze ein riesengrosses Hirschgeweih, um mich vom Ufer abzustossen. Ich bin eine Hirschfrau. Ich streife mein Geweih an einem Tannenstamm im dichten Wald ab. Behutsam berühre ich die Abwurfstelle an meinem Kopf. Sie pulsiert und ein Surren umfliegt mich. Ich stehe da mit meinem Geweih, halb Weib, halb Hirsch. Verbunden mit Himmel und Erde und dieser unglaublichen tierischen Kraft. Meine Flanken beben. Erotisch, wild, frei und unglaublich lebendig.

Der Hirsch. Mein Schwellenbegleiter.

Er trägt sein Geweih, dieses schwere, prächtige Geäst. Und dann passiert das eigentlich Magische: Es fällt ab. Es wächst neu. Jedes Jahr. Ein kraftvolles Bild für Sterben und Werden, Loslassen und Erneuerung. Wandel.

Vielleicht ein Impuls für mich. Nicht alles, was wir einmal getragen haben, müssen wir für immer tragen. Nicht jede Kraft muss bleiben. Nicht jede Identität. Nicht jedes alte Geweih.

Und vielleicht braucht es manchmal sechs Schwellennächte, vier Hirsche und ein mutiges Stampfen im Wald, damit wir uns daran erinnern.

Als ich am letzten Morgen auf der Frauenmantelwiese sitze, pfeifen die Murmelis wie verrückt. Ich schau nach oben. Die Luft streicht mir zum Abschied über mein mit Tränen benetztes Gesicht.

Weit oben gleitet der Adler von einem Tal ins andere mit nur vier winzigen Flügelschlägen.

Foto und Text: Annette Roemer

Mein Hirschgeweih - Annette Roemer - Spinnerinnen

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