In Würde altern

Ich komme gerade aus der Schönheitsklinik meines Vertrauens.

Ich hatte ein «Ding» unter meinem Auge, das ich habe weglasern lassen, auch weil es zunehmend mein Sichtfeld gestört hat (zäck, Rechtfertigung).
Unter vier Augen und ganz diskret habe ich die fesche Dame am Empfang gefragt, ob sie eigentlich auch etwas hat machen lassen. Wenn man schon an der Quelle sitzt.
Sie meinte lachend «viel trinken, schlafen, gutes Essen und Sport» – und dann hat sie mir gesagt, was sie da und dort hat richten lassen.

Hätte ich sie auf der Strasse gesehen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass sie sich Injektionen hat setzen lassen. Dasselbe gilt für weitere Menschen in meinem Umfeld.
Da ich aber neugierig und indiskret, wie ich bin, gerne charmant nachfrage, weiss ich gewisse Dinge und weiss auch, wer so diesunddas hat machen lassen, übrigens auch viele Männer.

Solche Eingriffe, wenn auch minimalinvasive, sind oft zutiefst verpönt, ja werden geradezu verurteilt. Gerade neulich hatte ich wieder ein solches Gespräch und es hat mir zu denken gegeben. Auch weil ich die Heftigkeit meines Gegenübers nicht wirklich verstehen konnte.

Wir sollen in Würde altern und uns den Tatsachen stellen, dass unser Gesicht sich verändert und das Leben uns zeichnet.

Klingt gut. Also Wasser, Seife und Feuchtigkeitscreme.

Interessanterweise kenne ich nicht wenige Frauen, die einerseits solche Eingriffe aufs Schärfste verurteilen, in deren Badezimmerschränkchen sich jedoch die teuersten Anti-Aging-Cremes, Seren, Tübchen, Tiegelchen und Ampullen türmen.

Vielleicht, und das meine ich tatsächlich ernst, verstehe ich etwas Grundlegendes nicht: Wo genau ist der Unterschied?
Mal abgesehen von den Preisen, ich Fuchs habe da nämlich recherchiert. Zugegeben nur kurz und oberflächlich; aber, wenn ich eine, laut Dermatologen und «Testsieger», gute, wirkungsvolle(!) und einigermassen günstige Anti-Aging-Creme verwenden will, dann bezahle ich ca. 70.- pro Creme (und das nur für die Tages-Creme, ohne Nachtcreme, Augencreme, Peeling undhastdunichtgesehen). Verwende ich die regelmässig, dann brauch ich ca. alle zwei bis drei Wochen Nachschub, das heisst ich komme Ende des Jahres auf ungefähr 1820.-, die ich nur für diese eine Salbe ausgegeben habe.

Weil ich in Würde altern will.

Lasse ich mir hingegen eine Injektion mit einem Bioaktivator setzen, kostet das ca. 700.- und kann einen Effekt von bis zu drei Jahren haben.

Wo ist der Unterschied, ob ich eine Anti-Aging- Salbe verwende oder ob ich mir eine Spritze setzen lasse? Entweder ich will «in Würde altern» oder «nicht so». Die Umsetzung des «nicht» ist am Ende zweitrangig.

Basierend worauf werden Frauen, die dazu stehen, dass sie sich hier und dort mal piksen lassen, nach wie vor so gerne verurteilt?

Dass sie sich der Schönheitsdiktatur unterworfen haben?

Du sollst Dich gefälligst lieben, wie Du bist, sonst schmeiss ich dir mein Anti-Aging-Salbentöpfchen an den Kopf! Und den lippenvergrössernden Gloss gleich hinterher!

Wo ist der Unterschied, ob ich eine Frau verurteile, die sich gepimpt und aufgepolstert wohlfühlt oder eine Frau, die ihre Zusatzpfunde liebt und hingebungsvoll mit Schwarzwälder Kirschtorte pflegt?

Die Erste wird von Menschen, welche die Schönheitspolizei leid sind und die Zweite von der Schönheitspolizei verurteilt. Am Ende werden aber beide Frauen verurteilt, weil sie sich das Recht herausnehmen, sich wohlzufühlen.

Wie, womit und warum sie sich wohl fühlen, sollte absolut egal sein.

Warum können wir uns nicht einfach gegenseitig in Ruhe lassen und uns freuen, wenn jemand zufrieden ist? Es ist doch komplett gleichgültig, auf welchem Wege er das macht und komplett gleichgültig, ob es unseren Idealen entspricht oder nicht. Er ist glücklich, er schadet niemandem. Fertig.

Und wer nun denkt, er müsse mich beim nächsten Treffen genau beäugen oder vorsorglich für meine tausend verheimlichten minimalinvasiven Eingriffe verurteilen, weil ich gerade so für «genadelpimpte Menschen» in die Bresche springe:
Nein, ich habe nichts machen lassen, aber wer weiss, vielleicht wenn ich einmal gross und reich bin, werde ich ausschauen wie Dolly Parton.

Dolly Parton find ich nämlich ne geile und sehr weise Socke.

 

Autorin und Foto: Lina Engler

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  • Beitrags-Kategorie:Lina Engler / Magazin
  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Myrielle

    Mega gut, danke für diesen Text. Du sprichst mir aus der Seele. Es wäre so schön, wenn alle Mal aufhören würden, body zu shamen und sich jeder freuen würden, wenn Frau und Mann sich wohl fühlen. Ja du sprichst mir aus der Seele. Ich suche noch einen guten Hautarzt oder Klinik, hab da so ein Ding im Gesicht und das muss weg. Hast du einen Tipp?

    1. Lina

      ich weiss natürlich nicht wo Du wohnst 🙂 ich hab hier bei uns bei der Dermatologie im Unispital nachgefragt.
      Ich würd mal nen guten Dermatologen fragen, der kann sich dann ggf.auch weiter verweisen.
      Herzgruss