Die Tage haben ihre energieraubende Hitze verloren und wir sind am Übergang zur Tagundnachtgleiche, die den astrologischen Herbst einleitet. Jetzt bin ich wieder täglich im Wald unterwegs. Dieses Gehen im Wald ist für mich ein unverzichtbares Ritual im Tagesablauf.
Ich gehe in der Mitte meines Weges. Nicht am Rand, wo frau sich klein macht, duckt und anpasst. In der Mitte, dort, wo mein Rücken sich aufrichtet, mein Blick sich vom Boden löst, wo meine Schritte wieder satt werden und ich sehen kann, was vor mir liegt und was hinter mir bleiben darf.
In der Mitte ist der Weg unebener, es gibt Grasbüschel und auch mal grössere Steine. Meine Trittsicherheit wird geprüft, ich werde langsamer, auch gut. Nur wer trittsicher ist, kann den Kopf heben und mehr sehen.
Am Wegrand stehen die Dinge, die mich begleiten: kleine Zeichen, alte Verbündete, Kräuter, Steine, Erinnerungen, manchmal auch ein Schatten, der mich prüft. Sie stehen dort nicht, um mich aufzuhalten, sondern um mich zu erinnern: Ich bin nicht allein unterwegs.
Ich finde mein Tempo wieder. Nicht das Tempo der Welt, nicht das Tempo der Erwartungen. Mein eigenes, das sich anfühlt wie ein inneres ›genauso‹. Mit jedem Schritt wächst meine Trittfestigkeit, als würde der Boden sagen: „Ich trag dich. Jetzt geh.“
Und dann ist da die Rabin. Lady Rabe, die ich auf einer Reise in der Anderswelt um Rat gefragt habe, nicht höflich, sondern ehrlich, wie man eine alte Freundin fragt, die schon alles gesehen hat, mich verdammt gut kennt und nichts beschönigt.
Sie kommt nicht mit Glitzerweisheiten. Sie kommt mit diesem tiefen, schwarzen Humor, mit Augen, die durch mich hindurchschauen und genau wissen, wo ich noch an mir selbst zweifle.
Sie flüstert: „Geh in der Mitte des Weges. Nicht schneller, nicht schöner, nicht braver. Aufrecht. Nimm an, was kommt, nimm es ganz. Dein Weg kennt dich.“
Und ich gehe. Wildwurzelig ehrlich, auf mich vertrauend und auf sie. Mit allem, was am Wegrand steht und mich begleitet. Dinge, Situationen, Menschen. Nicht als Last, sondern als leise, kraftvolle Zeugen meines Lebens. Und ich darf entscheiden, wie ich damit umgehe. Mit ganzem Herzen, innerer Haltung und der Freiheit, die ich mir selbst erarbeitet habe.
Ich gehe in der Mitte meines Weges!
Autorin und Fotos: Claudia Burren
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