Gerade lese ich über das neugeborene Auerochsenkalb Cäsar, das diesen Sommer im Tierpark Feldkirch zur Welt gekommen ist. Es gehört zu einer nachgezüchteten Rasse des einst gewaltigen Ur-Ochsen. Die ältesten Funde reichen rund 700’000 Jahre zurück. Das letzte bekannte Exemplar starb 1627 in Polen, nachdem die Tiere dort bereits unter Schutz gestellt worden waren.
Vor einiger Zeit hatte ich diese Ur-Rinder in Feldkirch besucht und versucht, mir vorzustellen, welch beeindruckende Erscheinung diese Tiere einst gewesen sein müssen. Ihre Hörner konnten eine Länge von 80 bis 140 Zentimetern und einen Durchmesser von 10 bis 20 Zentimetern erreichen. Sie begegnen uns immer wieder in der prähistorischen Kunst, etwa auf Höhlenmalereien. Unweigerlich musste ich an Çatalhöyük (Anatolien – Neolithikum, ca. 9’400–7’700 v.u.Z.) denken. An die Stierhörner, die dort vor Jahrtausenden an den Wänden der Häuser angebracht worden waren. Und an die unbeantwortete Frage, welche Geschichte wohl hinter ihnen lag.
Geduldig schaute der kleine, üppig gelockte Tal seiner älteren Schwester zu. Eru nahm einen Klumpen Lehm und drückte ihn an die kalkweisse Wand ihrer Behausung. Auf Zehenspitzen streckte sie ihren schmalen Körper, während sie konzentriert mit beiden Händen einen lebensgrossen Stierkopf formte. Lehm klebte an ihren Händen und am kurzen Gewand aus Eichenbastfasern. Neben ihnen lagen die mächtigen Hörner des Auerochsen. Sobald der Stierkopf fertig war, würde Eru sie daran anbringen. Tal bewunderte Eru für ihren Mut. Sie hatte sich vor der ganzen Sippe bewiesen. Und mehr noch: Nach der grossen Jagd war ihr eine besondere Ehre zuteilgeworden.
Immer wenn der grosse Regen fast vorüber war und das nahe Wasser über die Ufer trat, begann die weite Steppe zu grünen, bis Gräser und Blumen sich bald zum Himmel reckten. Das war das Zeichen, dass die Wildesel und Hirsche zusammen mit den grossen Herden der Auerochsen zurückkamen, um sich am Grün zu laben. Dies war auch die Zeit der Schwestern und Brüder der Siedlung, welche an der grossen Jagd teilnahmen. Eine besondere Gelegenheit, sich vor der eigenen Sippe und der anderen Clans als mutig zu beweisen. Denn bei dieser heiligen Jagd auf den kräftigsten Bullen der Auerochsen galt denjenigen besondere Ehre, durch deren Hand das Tier schliesslich fiel.
Mit ernster Miene nahm Eru noch eine Handvoll des schweren Lehms aus dem geflochtenen Korb, der neben ihr auf dem Boden stand. Die Erinnerung an die vergangene Jagd schmerzte die dunkelhäutige Frau. Immer wieder dachte sie an den Moment, als ihre ältere Schwester Ner während des Angriffs gestolpert und direkt vor dem Stier zu Boden gefallen war. Geradewegs rannte das wildgewordene Tier auf sie zu und hob sie mit seinen Hörnern in einem Ruck in die Luft. Ners Schmerzensschrei war so laut und schrill, dass es Eru durch die Knochen fuhr. Blut war zu sehen, schon ehe Ners Körper hart und stumpf zu Boden fiel.
Der Blick von Erus blauen Augen erstarrte wie Eis und blieb am leblosen Körper ihrer geliebten Schwester kleben. Was war da gerade passiert? Das konnte nicht sein. Ner wusste doch, was sie tat. Sie war diejenige, die ihr alles über die Jagd beigebracht hatte. Sie würde bestimmt gleich wieder aufstehen und zum erneuten Angriff starten. Doch Ner bewegte sich nicht mehr. Der Bulle drehte und kam nun auf den vom Schlamm und Blut verschmierten leblosen Körper zu. Er hielt an, beugte seinen Kopf mit den Hörnern nach vorne und schubste den Leib erneut von sich. Eru, ganz nass vom Regen, zitterte am ganzen Körper und konnte kaum noch stehen. Doch es war nicht vor Kälte. Alles fühlte sich plötzlich unwirklich an.
Der Stier, noch ganz auf Ners toten Körper fixiert, schien abgelenkt. Doch die Jagd musste weitergehen. Einige der Schwestern und Brüder der Jagd ergriffen die Chance, um sich erneut um das Tier zu formieren und anzugreifen. Aran, der mit den anderen mitlief, gab mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er zum Angriff ansetzen würde. Er hatte bereits Erfahrung bei der grossen Jagd und ebenfalls von Ner die Leopardentechnik erlernt. Sein Lendenschurz aus Leopardenfell sollte ihm die Kraft der Raubkatze verleihen. Es war für ihn eine grosse Ehre, dieses wertvolle Erbstück seines Hauses tragen zu dürfen. Er würde mit aller Kraft und dem Geschick des Leoparden versuchen, sich auf den Buckel des wildgewordenen Stieres zu stürzen. Allzu oft hatten sie in den letzten Tagen den waghalsigen Sprung geübt, um dem Tier aus nächster Nähe den tödlichen Stoss versetzen zu können.
Konzentriert und mit schnellen Schritten nahm Aran in einem weiten Bogen Anlauf, seinen kurzen Speer aus Ulmenholz fest in der Hand. Er sprang auf einen kleinen Felsen, an dem der dunkle Auerochse jeden Augenblick vorbeigaloppieren würde. Dann stiess er sich gekonnt wie eine Wildkatze ab und sprang in einem weiten Satz Richtung Rücken des Tieres. Der Bulle war jedoch so schnell, dass Aran sich nur einen kurzen Moment am Rücken festkrallen konnte, bevor er wie eine lästige Fliege abgeschüttelt wurde.
Mit Speeren und Schreien trieben zwei aus der Gruppe den dunklen Stier zurück – genau auf Eru zu. Sie stand allein da, wie angewurzelt. Ihr Blut erstarrte. Jetzt war ihr Moment gekommen.
Der wilde Auerochse war blind vor Rage. In seinen feurigen Augen blitzte die pure Kraft. Bedrohlich schnaubend stürmte er auf sie zu. Doch Erus Angst verflog ganz plötzlich. Ihre Muskeln spannten sich an. Ihr Blick wurde starr. Heisser Atem stiess aus den Nüstern des Tieres. Der schwere, herbe Geruch seines nassen Fells drang ihr entgegen. Alles um sie verstummte. Dann spürte Eru plötzlich das Beben des Bodens unter den immer näher kommenden Hufen. Dieser Rhythmus des Hufschlags, das Schnauben, ihr eigener Atem, ihr Herzschlag und der des Stiers im Gleichklang. Nur der Stier und Eru, in genau diesem einen Augenblick. Wissend, dass der nächste über Leben und Tod entscheiden würde.
Die junge Frau hob ihren Speer auf Schulterhöhe. Jeder Muskel ihres athletischen Körpers spannte sich. Dann setzte sie mit langen, schnellen Schritten zum Lauf an. Das Tier war bereits furchteinflössend nah. In einer leichten, nach rechts gebogenen Kurve sprintete sie auf ihn zu. Der Abstand wurde rasant kleiner und Eru rannte so schnell, wie ihre Beine sie trugen. Sie waren einander bereits ganz nah.
Jetzt oder nie! Einen Wimpernschlag bevor die gewaltigen Hörner sie erreichten, warf Eru sich auf den mächtigen Nacken des Tieres. Im selben Moment schnellte ihr rechter Arm nach vorn und trieb die scharfe Obsidianspitze ihres Speers mit aller Kraft seitlich in den pulsierenden Hals des wildgewordenen Ungetüms. Eru hatte die Stelle nicht genau getroffen, auf die sie gezielt hatte. Doch als die Spitze die zähe Haut durchdrang, quoll dunkelrotes Blut aus der Wunde. Der Stier brüllte, schlug nach hinten aus und schleuderte sie hart zur Seite. Ihr wurde schwarz vor Augen.
Als Eru wieder zu sich kam, lag sie im kalten Schlamm auf dem Rücken. Ihr Atem brannte in ihrer Brust. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Sie sah den grauen Himmel über sich. Regentropfen prasselten auf ihr Gesicht. Dann hörte sie bekannte Stimmen rufen. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, aus der das Geschrei kam. Einige aus der Siedlung kamen herbeigeeilt und blieben mit erstaunter Miene vor ihr stehen.
Die junge Jägerin besann sich und setzte sich langsam auf. Noch ganz angespannt und voller Adrenalin wandte sie sich dem regungslosen Stier neben ihr zu. So schien er ihr noch beeindruckender und mächtiger als zuvor. Sie kniete sich vor den schwarzen Bullen. Dieser hatte gerade noch ihrer geliebten Schwester Ner das Leben genommen. Nun lag er leblos da. Tiefe Ehrfurcht überkam sie. Gegenüber dem Stier, gegenüber Ner, gegenüber dem Leben, dem Tod, der Mutter und dem ewigen Zyklus. Sie legte ihre Stirn gegen die breite Stirn des Auerochsen. Der Geruch von nassem Fell, Blut und feuchter Erde umgab sie. Dunkles Rot mischte sich mit Regen und Schlamm. Sie flüsterte etwas, das ihr kleiner Bruder Tal nicht verstand. Er hatte sich inzwischen unter die anderen gemischt. Auch Aran hatte sich von seinem Sturz aufgerafft und kam näher, um zu sehen, was geschehen war.
Es fühlte sich gerade für niemanden nach einem Sieg an. Aber es war ein Übergang. Für Eru war ihre grosse Schwester Ner im ewigen Zyklus weitergegangen. Jetzt war sie nicht mehr Jägerin. Sie war nun Teil der Ahnen und der grossen Mutter. Ihre Gebeine würden ehrenvoll unter ihrer Lagerstätte zu den anderen eingebettet werden. So wie es Brauch war. Und über ihr würde die grosse Jagd an der weissen Kalkwand mit heiliger roter Erde erzählt werden. So wie es geschehen war. Aus Hochachtung vor Ner und dem grossen Auerochsen.
Tal würde später über seine Schwestern sagen, es sei Mut gewesen. Aber Eru wusste: Es war nicht nur Mut. Es war Notwendigkeit. Von da an standen die Hörner als Zeichen für das, was an diesem Tag geschehen war.
Zeichnung, Foto und Text: Belinda Capobianco
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