Ich kenne seinen Bau schon lange.
Tief unter der Erde führt ein schmaler Gang in die Wohnräume. Je weiter ich hineingehe, desto wärmer wird es. Der Duft von getrockneten Kräutern, Erde und Holz liegt in der Luft.
Schließlich komme ich in ein gemütliches Zimmer.
An den Wänden stehen kleine Regale voller Bücher. Alte und dicke Bände, manche mit abgegriffenen Lederrücken, andere so alt, dass ich ihre Schrift kaum noch erkennen kann. Zwischen den Büchern hängen Bündel getrockneter Kräuter. Wurzeln, Blätter und Blüten liegen in kleinen Schalen auf Tischen. Auf einem Regal entdecke ich Steine, Federn, Zapfen und andere Schätze, die der Dachs irgendwo im Wald gesammelt hat.
In der Mitte des Raumes steht ein kleiner, runder Holztisch. Auf ihm dampfen zwei Tassen Tee. Mein Freund sitzt bereits dort und schaut mich an.
„Hallo, mein Bester, da bin ich wieder. Und du bist auch wieder da.“
„Ich war nie fort. Du hast nur aufgehört, unter die Erde zu lauschen.“
Ich setze mich ihm gegenüber. Der Tee duftet nach Kräutern und etwas, das ich nicht benennen kann. Ich nehme einen Schluck von der warmen, duftenden Flüssigkeit.
„Dann lehre mich wieder zu hören. Was bewahrt ihr hier dort unten, in euren Bauen und Gängen?“
Der Dachs legt seine Pfoten ruhig auf den Tisch. „Erinnerungen.“
„Erinnerungen?“
„Erinnerungen an die alten Wege. An das Wissen, das nicht in Büchern geschrieben steht. Es liegt im Humus, in den Wurzeln, im Holz der alten Bäume, in den Steinen und im Wasser. Es liegt im Atem der Erde.“
Mein Blick wandert zu den Büchern in den Regalen. „Du meinst, die Erde selbst ist eine Bibliothek?“
Der Dachs grinst mich an. „Eine Bibliothek ohne Regale. Eine Bibliothek, die lebt.“
Er nimmt seine Tasse und pustet vorsichtig über den Tee. „Aber manchmal bewahren auch Bücher Erinnerungen.“ Er deutet mit einer Pfote auf ein besonders altes Buch. „Nur darfst du nicht glauben, dass alles Wissen zwischen Buchdeckeln zu finden ist. Unter deinen Füßen findest du Geschichten, die älter sind als deine Sprache. Jede Wurzel kennt eine. Jeder Stein trägt eine. Jede Pflanze bewahrt ein Stück Erinnerung. Ihr Menschen sucht oft weit außerhalb von euch selbst nach Antworten. Doch manches Wissen liegt tief im Inneren und in der Tiefe.“
„Deshalb nennst du dich einen Hüter der Erde?“
Der Dachs lehnt sich zurück. „Wir hüten nicht, indem wir besitzen. Wir hüten, indem wir erinnern. Wir graben uns durch die Dunkelheit und bringen dabei Erde nach oben. Wir durchqueren das Verborgene. Wir kennen die Räume zwischen den Welten.“ Sein Blick fällt auf die Kräuter, die über seinem Tisch hängen. „Darum sind wir mit dem Bären verwandt, nicht körperlich, sondern in dem, was wir tragen. Die Kraft der Erde, die Tiefe, die Ruhe, das Wissen des Ursprünglichen.“
„Und was bewahrt ihr für uns Menschen?“
Der Dachs schenkt mir Tee nach. „Das, was ihr vergessen habt. Die Sprache der Pflanzen. Die Geduld der Steine. Das Flüstern der Bäume. Die Zeichen des Landes. Die Kraft eines Gebetes. Die Erinnerung daran, dass ihr nicht getrennt seid.“
„Ich fühle mich manchmal wie eine Vermittlerin zwischen den Welten. Zwischen Himmel und Erde.“
Der Dachs nickt langsam. „Das bist du. Aber vergiss nicht, eine Vermittlerin steht nicht über den Welten. Sie steht zwischen ihnen. Mit den Armen im Himmel. Mit den Füßen in der Erde. Und ihr Herz muss lernen, beides gleichzeitig zu halten.“
Ich schweige einen Moment und schaue mich in seinem Zimmer um. Die Kräuter rascheln ganz leise, obwohl kein Wind durch den Raum zieht. „Dann sind Pflanzen, Bäume und Steine nicht einfach Dinge, die uns umgeben?“
„Nein. Aber du musst nicht alles zu einem Menschen machen, damit du ihm zuhören kannst. Die Pflanze spricht Pflanzensprache. Der Baum spricht Baumsprache. Der Stein spricht Steinsprache. Du musst nicht erwarten, dass sie mit menschlichen Worten antworten. Du musst still genug werden, um ihre eigene Sprache wahrzunehmen.“
„Und wie kann ich ihnen dienen?“
Der Dachs nimmt einen kleinen Beutel von einem Regal und öffnet ihn. Ein würziger, erdiger Duft erfüllt den Raum. Er nimmt ein wenig davon und gibt es in unsere Tassen. „Indem du zuerst lauschst. Bevor du eine Pflanze um Heilung bittest, frage sie, ob sie mit dir arbeiten möchte. Bevor du einen Ort rituell betrittst, grüße ihn. Bevor du die Kräfte der Erde anrufst, frage dich, ob du bereit bist, der Erde zuzuhören. Und wenn du betest, dann bete nicht nur für die Welt. Bete mit ihr.“
„Das klingt einfach.“
Der Dachs hebt eine Augenbraue. „Es ist einfach. Aber einfach bedeutet nicht leicht.“
Wir trinken eine Weile schweigend unseren Tee. Dann sehe ich auf den Stapel Bücher neben ihm. „Was ist mit den Naturgeistern? Den Wesenheiten des Waldes? Den Ahnen? Den Kräften des Kosmos?“
Der Dachs streicht mit einer Pfote über den Einband eines alten Buches. „Sie alle haben ihre eigenen Wege. Du musst nicht überall hineingehen. Manche Türen öffnen sich, wenn du anklopfst. Manche bleiben geschlossen. Und manche solltest du gar nicht öffnen. Weisheit bedeutet, nicht jede Tür zu durchschreiten. Weisheit bedeutet, zu wissen, vor welcher Tür du stehen bleiben sollst.“
„Und du? Was ist deine Aufgabe bei mir?“
Der Dachs schaut mich lange an. Dann nimmt er seine Teetasse und trinkt einen kleinen Schluck. „Ich erinnere dich.“
„Woran?“
„Daran, dass du Wurzeln hast. Daran, dass du nicht alles verstehen musst. Daran, dass Heilung manchmal bedeutet, still zu werden. Daran, dass das Alte nicht immer laut nach Aufmerksamkeit ruft. Und daran, dass unter jedem Ende bereits ein Anfang verborgen liegt.“
Ich sehe zu den Kräutern über uns. Einige hängen kopfüber von der Decke, andere liegen sorgfältig beschriftet in kleinen Gläsern. „Was möchtest du mir heute mitgeben?“
Der Dachs steht auf. Er geht zu einem kleinen Regal und nimmt eine Tasse aus Ton. Darin liegt ein wenig Erde. Er stellt sie zwischen uns auf den Tisch.
„Geh nach draußen. Suche dir einen Platz, der dich ruft. Setz dich dorthin. Leg deine Hände auf die Erde. Und dann erzähl ihr nichts. Bitte sie um nichts. Heile nichts. Verändere nichts. Sei einfach da. Lass die Erde dich erinnern.“
„Und wenn ich etwas höre?“
Der Dachs sieht mich freundlich an. „Dann höre weiter.“
„Und wenn ich nichts höre?“
Für einen Augenblick liegt etwas Verschmitztes in seinem Blick. „Dann hast du vielleicht zum ersten Mal wirklich angefangen zuzuhören.“
Ich muss lächeln. „Werde ich dich dort wiederfinden?“
Der Dachs nimmt seine Tasse und lehnt sich gemütlich in seinen Stuhl zurück. „Du weißt doch, wo ich wohne.“ Er deutet auf den Boden unter unseren Füßen. „Unter deinen Füßen. Im Dunkel. Im Moos. Im Wurzelwerk. Und manchmal …“ Er macht eine kleine Pause. „… ganz nah bei dir.“
Ich nehme meine Tasse in beide Hände. „Danke, alter Freund.“
Der Dachs nickt. „Danke, dass du dich erinnerst.“
Draußen ist der Wald still.
Tief unter der Erde sitzen wir noch eine Weile an unserem kleinen Holztisch. Zwischen Kräutern, alten Büchern und den Schätzen der Erde. Und ich weiß … unser Gespräch ist noch nicht zu Ende.
Autorin: Manuela Zuber
Fotos: Annette Roemer, Logo vom Dachsbau, Pete Linforth auf Pixabay
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