Gertrude – Botin der Gänsemütterin

Es war in einem jener Winter, in denen die Stille wie feines Salz über der Welt liegt und die Tage sich anfühlen wie die Zwischenräume eines Atems.

Mariedl saß am Fenster. Ihr grauer Zopf ruhte wie ein vergessener Gedanke im Nacken, und der Dezember strich mit seinem schweren, silbernen Schritt an der Scheibe vorbei.
Sie seufzte. Nicht aus Kummer. Mehr wie jemand, der das eigene Leben leise ein- und ausatmen hört.

Da raschelte es. Ein Flattern, kaum hörbar. Ein empörtes Schnauben. Dann ein entschlossener Plumps. Und plötzlich saß auf ihrem Kopf eine Gans.

Gertrude.

Mit ihrer Tarnkappe aus Schneeflocken und Dreistigkeit, so unauffällig gestrickt, dass selbst der Dezember kurz blinzelte.

„Na, endlich wach?“, schnatterte sie. „Ich warte seit Wochen, dass du mich hörst.“
Mariedl blinzelte.
„Gertrude … bist du das wirklich?“
„Wer denn sonst? Ein Schwan?“

Gertrude schnaubte beleidigt, ehe sie in ein gänsisches, übertriebenes Gaagaaaga verfiel. Gans halt. Gans und gar Gans.

Dann rüttelte und schüttelte sie ihr Federkleid,
als wäre sie Frau Holle persönlich. Die Flaumfedern stoben durch den Kerzenschein wie kleine Gedankenfetzen, bevor sie warm und weich niederfielen. Gertrude rückte sich zurecht, legte die Flügel um Mariedls grauen Zopf
wie eine Haube aus Federn und Weltwissen und bevor sie zu erzählen begann, legte sie den Kopf schief und ihr Blick wurde alt wie Winterlicht.

„Weißt du, Mariedl“, schnatterte sie leise, „wir Gänse sind die alten Wegweiser. Totemtiere aus einer Zeit, als die Urmutter noch im Atem der Welt wohnte. Wir kommen, wenn ein Übergang ruft. Wir tragen die Ahnen im Atem und zeigen den Weg, den die Seele heimwärts kennt.“

Dann neigte sie sich ein wenig vor, als würde sie ein Geheimnis verraten wollen.

„Frau Holle, die Gänsemütterin, die über die Winterwege wacht, hat mich gesandt“, gaggate Gertrude, und ein kleines Funkeln lag in ihrem Stolz.
Danach sprach sie vom Glück, das nicht gesucht wird, sondern landet, wenn man den Kopf senkt und das Leben plötzlich von oben betrachtet. Vom Mut, der still wächst. Von Wegen, die sich erst öffnen, wenn man stolpert. Von Frauen, die im Dezember ihre Kraft wiederfinden, weil die Dunkelheit endlich zuhört.

„Du hast mich geweckt“, sagte Gertrude. „Und ich dich.“

Mariedl lächelte – ein kleines Lächeln, das dennoch reichte, um die Eisblumen am Winterfenster glitzernd – wie aufgetaut – wirken zu lassen.

„Gertrude? Warum gerade ich?“

Die Gans legte den Kopf schief.

„Weil du ein GänseGlück brauchst, Mariedl. Und weil ich ein Zuhause brauche, wo niemand wissen muss, warum Gänse heilig sind.“

Dann tippte sie mit dem Schnabel gegen Mariedls Stirn. Ein Segen. Ein Ruf. Ein Versprechen.
Draußen begann es zu schneien. Drinnen atmete Mariedl tiefer. Und auf ihrem Kopf saß Gertrude, zufrieden, seltsam stolz und ein wenig müde vom vielen Tarnen.

„Komm“, schnatterte sie, „der Winter hat Geschichten. Und wir zwei haben Zeit.“

So begann das Dezemberwunder – nicht mit einem Stern und auch nicht mit einem Engel.

Oder
vielleicht doch mit einem Engel.
Einem Engel in Federn.
Gertrude.
Die, die weckte und wissen ließ:
Manchmal setzt sich das Glück einfach auf deinen Kopf und bleibt dort sitzen.

Hast du dir (auch) gerade eine Gänsedaunenfeder aus dem Haar gestrichen? – Tja. So ist das mit der Gänsemütterin …

Autorin und Kunststückle: Susanna Amberger

Die Mütterin als Hinweis auf eine nicht biologische Mutter, sondern eine Rolle / Funktion: ein Wesen, das hütet, zusammenhält, leitet.

Die Mütterin in Verbindung mit Gänsen, steht für Fürsorge ohne Sentimentalität, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit. Eine, die weiß, wann es Zeit ist zu gehen und wann zu bleiben. Das ist keine romantische Mutter, sondern eine praktische und erfahrene.

Hier gibt’s noch mehr von und über SüSü aka Susanna

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