Im Frühling betört der Holunder mit dem Duft seiner weißen Blüten. Im Herbst wird aus den schwarzroten Beeren Medizin. Selbst die Rinde und die Wurzeln werden in der Volksheilkunde verwendet – sind aber so kraftvoll in der Wirkung, dass die Medizin sich leicht in Gift verwandeln kann.
Gerade erst sind die honigduftenden weißen Blüten des Holunders bei uns erntereif geworden. In handtellergroßen Dolden hängen sie an den Sträuchern, die es auf der Nordseite unseres Hofes mittlerweile schon bis auf Hausdachhöhe geschafft haben. Für diese Blüten ist der Holunder berühmt und beliebt in der wilden Küche der Kräuterfrauen. Haufenweise gibt es Rezepte dafür. Genau daran wäre ich fast gescheitert bei meinem Versuch, noch tiefer einzutauchen in die vielen Geschichten und Wirkungskräfte rund um den Holunder …
Rezepte wie Hollerkücherl und Hollerblütengelée muss man als Kräuterfrau mal ausprobiert haben. Die Krönung dieser Saison war ein noch warmer, saftiger Käsekuchen mit frisch geernteten Hollerblüten drin. Rezept siehe unten, nun aber genug der Ablenkung!
Die dunkle Seite des Holunders: die schwarzen Beeren
Im September und Oktober hat sich die weiße Frühlings-Holle längst gewandelt: in schwarze Beeren (die eigentlich nicht zu den Beeren, sondern zu den Steinfrüchten gehören) an roten Stängeln. Beim erdig-herben Geschmack der Früchte erinnert nichts mehr an den einstigen honigsüßen Duft. Die Herbst-Holle ist finster und hat mehr medizinische denn genießerische Qualitäten. Wer die leicht toxischen Kerne in rohem Zustand kaut, muss mit Bauchschmerzen und Durchfall rechnen. Gekocht oder getrocknet verlieren die Früchte des Schwarzen Holunders das Sambunigrin, das ähnlich wie Blausäure wirkt (diejenigen des Roten Holunders sind auch nach dem Kochen noch giftig!). Der dunkelrote Saft enthält viel Vitamin C und Eisen, außerdem entzündungshemmende Antioxidantien, weshalb er in der Volksheilkunde bei Erkältungen und grippalen Infekten verabreicht wird.
Nierenmedizin: Rinde und Wurzeln des Holunders
„Holunder prüft dich auf Herz und Nieren“, erfahre ich bei einer schamanischen Reise. Ich will es genauer wissen und lese nach: Tatsächlich wirkt der Saft der Holunderbeeren harntreibend und stärkt das Herz-Kreislaufsystem. Die Kraft des Hollers sitzt aber noch viel tiefer: in der Rinde und den Wurzeln. Im Vorfrühling oder Spätherbst abgeschält, regen Rinde oder Wurzeln als Tee die Nierenfunktion an. Dieser wirkt harntreibend, entgiftend, entwässernd und abführend. Wie die Holunderbeeren enthält auch die Rinde des Holunders das Sambunigrin, weshalb der Tee nur gut abgekocht und nur in Maßen getrunken werden sollte; die Wirkung ist außerordentlich kraftvoll!
Der Holunder in der Mythologie
Er ist der Baum der wandlungsfähigen Göttin Holle, die als weißes Frühlingsmädchen, dunkelrote Sommer-Mutter und schwarze Zauberin den Zyklus des Werdens und Vergehens durchläuft. Wie die alte Holle auch vermittelt der Holunder zwischen Tod und Leben, er ist Schutzbaum und Torwächter zur Unterwelt. Sowohl die Geburtskrippe von Jesus als auch das Kreuz, an dem er starb, sollen aus Holunderholz gewesen sein. Für die Kelten war der Holunder der 13. Baum, der den druidischen Jahreskreis abschloss: derjenige, der über die vollendende Zwölf hinausweist, der das harmonische System in Disharmonie bringt – und so den Kreislauf des Lebens weiter vorantreibt.
Rezept Holunder-Käsekuchen
Für den Boden und den Rand bereitest du einen Mürbteig (200g Mehl, 100g Butter, 60g Zucker, 1 Ei). Für die Füllung rührst du 6 Eigelb mit 300g Zucker schaumig und fügst 2 EL Mehl, ½ Päckchen Backpulver, Zitronenabrieb und 750g Topfen hinzu. Anschließend schlägst du das Eiweiß von 6 Eiern schaumig und hebst es vorsichtig unter die Topfenmasse. Zum Schluss zupfst du die Blüten von 4-5 Holunder-Dolden in die Käsefüllung und hebst sie unter. Gieße die Topfenmasse in die mit dem Mürbteig ausgekleidete Springform und backe den Kuchen eine Stunde lang bei 170 Grad. Gutes Genießen!
Autorin: Dagmar Steigenberger
Fotos: Dagmar Steigenberger & ritaE pixabay
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