Der König ist wieder da!
In vielen Kulturen gilt der Fliegenpilz als Symbol für Wandel, Dimensionswechsel und das Übertreten von Grenzen. Der feuerrote Hut mit den weißen Punkten wirkt wie ein Tor in eine andere Welt. Hinter diesem Tor verbergen sich Mythen, Naturwesen, Zwerge, Elfen und Magie. In der mitteleuropäischen Sagenwelt gilt der Fliegenpilz als Treffpunkt für diese wundervollen Naturwesen. Man sagt, dass sich unter dem Fliegenpilz die Wesenheiten zum abendlichen Tanz treffen. In den Märchen wohnen die Zwerge in den Pilzen und wenn sich im Wald eine Vielzahl von Fliegenpilzen versammeln, oft in einer ringförmigen Anordnung, galt dieser verwunschene Ort als Hexentanzplatz sowie als Treffpunkt von Wesenheiten, die sich vor den neugierigen Augen der Menschenwelt zu verbergen wissen.
Bei den nordischen Völkern galt der Fliegenpilz als heilig. Er ist ein Zeichen von Fruchtbarkeit und Wachstum. Heidnische Legenden Nord- und Mitteleuropas wurden später von der christlichen Tradition vereinnahmt und umgedeutet. Der Fliegenpilz wurde ein beliebtes Symbol in der Weihnachtszeit und ein Zeichen von Glück und Wohlstand zum Jahreswechsel. Als Nahrung der Rentiere des Weihnachtsmanns soll der Fliegenpilz den Tieren die Fähigkeit verliehen haben, mit dem Schlitten zu fliegen
In einem älteren Fliegenpilzhut, der sich leicht zu einem Kelch nach oben biegt, sammelt sich Tau- oder Regenwasser. Dieses Wasser, von Zwergen geerntet, wird bei Ritualen und zu fröhlichen Begebenheiten getrunken. In den Geschichten treten Zwerge oft als Helfer und Heiler für die Tiere des Waldes auf. Sie begleiten Tierkinder auf ihren Abenteuern und schützen den Lebensraum von Tier und Wald. Zwerge sind die Hüter von Mutter Erde. Sie hüten die Schätze der Unterwelt und kümmern sich um die Pflanzen- und Tierwelt.
In vielen Geschichten und mythologischen Erzählungen ist der Fliegenpilz zu finden. Gerne gemeinsam mit einer Kröte. In der mitteleuropäischen Geschichte verwandelten sich Hexen oder Magier in Kröten und ließen deren giftigen Speichel in den Fliegenpilz tropfen.
Der Fliegenpilz gilt heute als tödlich giftig. Schamanen und andere naturmagische Menschen würden dieser Aussage widersprechen. Es gibt Überlieferungen von sibirischen Schamanen, die in früheren Zeiten den Fliegenpilz zur Bewusstseinserweiterung benutzten. Sie verspeisten getrocknete Pilze oder kochten einen Tee, um in eine hellsichtige Trance zu verfallen und um ihre schamanischen Heilkräfte zu mobilisieren. Sie nahmen den Fliegenpilz, um mit den Ahnen in Kontakt zu treten oder mit den Geistern zu sprechen und von ihnen in wichtigen Situationen einen Ausweg oder einen Ratschlag zu erhalten. Sie reisten in die Zukunft oder in die Vergangenheit und durchwanderten fremde Welten und Dimensionen.
Einige sprechen auch davon, dass der Fliegenpilz in der berühmten Hexensalbe enthalten gewesen sei. Die genaue Zusammensetzung der Hexensalbe ist allerdings heute nicht mehr bekannt.
Durch die Einnahme des Pilzes werden starke Visionen und verschobene Sinneseindrücke hervorgerufen. Aufgrund der potenziellen Toxizität und unvorhersehbaren Wirkungen wird von der Nutzung und einem Selbstversuch an dieser Stelle abgeraten!
Um mit dem Fliegenpilz in Kontakt zu treten, braucht es im Übrigen keine Einnahme. In einer Meditation oder einer schamanischen Trancereise zum Wesen des Pilzes erhält man alle Informationen, die sich der Reisende vom König des Waldes erhofft.
Im Rahmen einer Zeremonie, in der der Fliegenpilz hinzugerufen wurde, bekamen wir den Hinweis „Der König ist wieder da“. Eine gar nicht so verwunderliche Aussage, denn in den letzten Jahren wurde der Hype um den Fliegenpilz größer. In der naturspirituellen Gemeinschaft wird der Fliegenpilz wieder präsenter. Die Menschen gehen mit ihm in Kontakt und erforschen seine Geschichte und Mythologie.
In der germanischen Mythologie steht Odin/Wotan, der schamanische Gott des Wissens und der Erkenntnis, in Verbindung mit dem Fliegenpilz. Der Sage nach entsteht der Fliegenpilz, wenn Odin zur Zeit der Wintersonnenwende mit seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir und seinem Gefolge, der Wilden Jagd, durch die Nacht reitet.
Überall dort, wo der Geifer Sleipnirs auf die Erde tropft, werden im kommenden Herbst, also 9 Monate später, Fliegenpilze aus dem so befruchteten Boden wachsen. Im Volksmund heißen die Pilze unter anderem auch Rabenbrot, denn Odin/Wotan, auch „Rabengott“ genannt, ist stets mit zwei Raben unterwegs, Hugin und Munin, die ihm die Geschichten, Informationen und Geschehnisse aus allen Welten zutragen.
Der Fliegenpilz erzeugt bei Kindern und Erwachsenen eine magische Faszination. Er wirkt wie ein Türchen zu einer anderen Welt, ein Wächter im Dunkel des Waldes, der mit leuchtendem Hut und ruhiger Stimme Geschichten von verborgenen Pfaden erzählt. Er erinnert uns an mystisch-magische Geschichten unserer Kindheit und an ein Kinderlied:
„Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm.
Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
das da steht im Wald allein mit dem purpurroten Mäntelein?“
Autorin: Manuela Zuber
Fotos: Susanna Amberger und Annette Roemer
„Ein Männlein steht im Walde“ wurde 1843 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben geschrieben.
Und hier gibt’s mehr von und über Manuela
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