Dunkler wird es nicht

Die Träume sind ruhiger, klarer und reicher geworden. Im Höhenflug des Verstehens war jegliche Störung, jegliche Veränderung unerwünscht.

So könnte es bleiben, erst einmal – meine unermüdlichen Bemühungen rechtfertigen das Festhalten-Wollen.  Winterruhe, Feuerglanz und Lichtgespinste.  Wäre da nicht eine schwache Erinnerung an eine ungebetene Höhlenbesucherin. Mit einer heftigen Windböe kam sie hereingesaust, bunt-flatternde Gewänder, Haare wie ein zerzaustes Vogelnest und ein übles Kraut rauchend. Außer mir war niemand überrascht, fast so, als würde nur ich sie wahrnehmen.

Frei war sie, scherte sich um nichts, hockte sich einfach ans Feuer. Ihr Blick war feurig, wissend und herausfordernd zugleich. „Eine gute Geschichte musst du tanzen können. In den Knochen aufspüren, mit den Knochen schreiben.“  Dann war sie weg!

Ich hüllte mich wieder in meine neuen Einsichten, in meine Klugheit und erhoffte Weisheit. Das Ende des Jahres mit seinen magischen Nächten stand bevor und wie immer war meine Vorfreude groß und voller Erwartungen.

Noch einmal träumen, bevor ich morgen die Höhle verlasse.

„Es ist so weit, sie hat uns schon lange gerufen – der nächste Sturm ist unser“, riefen sich die Alten zu und zogen ihre Knochenrasseln aus den unergründlichen Manteltaschen. Dann brausten sie los, der Sturm nahm alles mit, was nicht fest verankert war und mit ihrem vielseitigen Ruf – DUNKLER WIRD ES NICHT – rauschten sie heran. Das Feuer erlosch beim ersten Windstoß, das Erwachen war wie einziger Donnerschlag!

„Du hast uns gerufen, jetzt sind wir gekommen n wilder Flug beginnt jetzt!“

„Ich habe euch nicht gerufen, ganz im Gegenteil, vielleicht habt ihr euch geirrt?“

„Oh doch, schon lange rufst du uns mit deinem Zorn der Anpassung, mit deinen wilden Träumen, mit deiner Angst vor Mächtigkeit. – eine Knochenrassel zu besitzen ist ein wilder Ruf; das Schwarz  zu lieben fordert deine Wahrhaftigkeit heraus.“

„Schwärze dein Gesicht mit Asche, nimm deine Rassel, mehr brauchst du nicht!“

DUNKLER WIRD ES NICHT – WINTERSONNWEND

Und wir fliegen hinein in die Räume des Nicht-Gelebten, der Besänftigung, der schwarzen Spiegel, der Eitelkeiten, der Grandiositäten und Erlösungssehnsüchte. Diese äußerste Dunkelheit wird zu einer Grenze, die mir wider Erwarten Halt gibt und meinen Ängsten einen Raum anbietet.  Und dann ist sie da, in meiner größten Furcht vor diesem Flug ist sie da – die Alte mit den bunten Gewändern, den Vogelnesthaaren und dem herben Kräutergemisch.

Die Tränen kommen von allein, alte Tränen, die sich der dunkelsten Nacht anvertrauen. Ein Traum taucht wieder auf: Eine Frau wird von zwei Männern festgehalten, sie ist schwarz gekleidet, mächtig, die Männer sind keine Gefahr für sie, und sie schreit „NEIN“! Sie schaut mich an, will mir etwas Wichtiges zeigen und erst jetzt verstehe ich die Schwarze.

Ich selbst halte mich fest, nähre die alten Gesetzestafeln und mein wilder Flug wird zu einem Schrei über all‘ die Entwertungen und Erniedrigungen, die Frauen erleben und erlebt haben. Ein riesiger kraftvoller Schrei !

DUNKLER WIRD ES NICHT!

Die „Vogelnest-Alte“ fängt an zu rasseln, mein Schrei wird zu einem „JA“– mit der Asche schreibe ich es in mein Herz. Die Alten nehmen mich rasselnd in ihren Kreis auf. Knochen-Ahninnen und Knochen-Tänzerinnen sind sie, und so tanze ich zu ihren mächtigen Rasselklängen meine Flügel, meinen Eigen- Mächtigkeit und meine Einzigartigkeit – meinen Faden in das große Netz.

DUNKLER WIRD ES NICHT– ein goldener Faden wickelt sich um die Knochenrassel, ein Flugfaden!

Mein wilder Flug mündet in einen Kreis von Frauen – uns verbindet die Furcht vor der ureigenen Mächtigkeit, uns verbindet die Verletzlichkeit, uns verbindet die Asche, uns verbindet ein kraftvolles Netz und der Respekt vor all den unterschiedlichen Seelenfäden!

Goldene Flugfäden umhüllen den ersten Lichtsamen – die längste Nacht hat den Raum gehalten – Wintersonnwend‘!

Text & Foto: Christine Kostritza

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Ingrid

    Das Spinnennetz mit seinen starken Leitfaden, die die Struktur vorgeben und Informationen weiterleiten, mit den spiralförmigen Verbindungsfäden, auf die sich Tautropfen wie Perlen aufreihen dürfen, mit Knoten und Flickstellen, filigran, fast nicht zu sehen, aber zäh und elastisch, anpassungsfähig, federnd. Vielleicht wie ein Trampolin, das gewagte Sprünge ermöglicht.
    Christine, ich danke dir für’s Spinnen und Weben.

  2. Michi

    Liebe Christine Knochenfrau
    Was für eine wunder-Same Geschichte 🌀🙏
    Vielen Dank für‘s teilen….
    Für den Satz „dunkler wird es nicht“ danke ich dir besonders….☀️☀️
    Sei herzlich umarmt 💚
    Michi

    1. Spinnen

      Liebe Michi, ich danke dir für deine Gedanken. Ich habe es genau so erlebt wie du mit “ dunkler wirds nicht“. Es gibt Geschmeidigeres als die Grenze in der Dunkelheit zu erleben und du als „Welten-Gärtnerin“ weißt um dieses Spannungsfeld. Von daher schicke ich dir jetzt eine lichte Herzumarmung und grüße dich winterwarm !
      Christine

  3. Pit

    so schön! Danke für die tollen Gedanken.

  4. Christine

    Meine Güte, was für eine kraftvolle, mystische Geschichte und was für ein dunkler Spiegel – fantastisch!
    Herzlichen Dank dafür )O(