
Wenn im tiefsten dunklen Winter der Wind über die alten Wälder und um die Bergriesen heult und der Schnee die Landschaften bedeckt, wird die Welt in tiefes Schweigen gehüllt. Dies ist der heilige Moment, an dem die Grenze zwischen der diesseitigen und der anderen Welten dünn wird und sich öffnet. Im germanischen und alpenländischen Raum zieht in dieser Zeit die wilde Jagd über das Land. Sie wird angeführt von mächtigen Gestalten wie Odin, dem Wanderer und Frau Holle, der Hüterin der Seelen.
Die wilde Jagd ist ein sehr altes Motiv der mitteleuropäischen Sagenwelt. Lange bevor sich das Christentum die alten Riten und Erzählungen zu eigen machte und somit die Landschaft prägte, erzählte man sich in den langen Winternächten von einem wilden Geisterzug, der über den Himmel und die Dörfer, über ihre Landschaften, Meere und Berge stürmt. Begleitet wurde dieser Heereszug von Sturm, Hundegebell und dem wilden Rauschen des Windes.
In den Nächten zwischen den Jahren, den sogenannten Rauhnächten, beginnend mit der Nacht, in der die Erdmutter den Sonnengott wiedergeboren hat, setzt sich der Zug mit ihrem Anführer, dem Allvater Odin, in Bewegung. Er ist der Gott des Wissens und der Magie. Er reitet auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir über den Nachthimmel, begleitet von gefallenen Kriegern, den Walküren, Ahnengeistern und Naturwesen. Die Walküren werden angeführt von der großen Freya, der Göttin der Natur. Es ist ein Heereszug und ein Übergangsritus zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Tod und Wiedergeburt.
Im alpenländischen Raum führt den Zug der Wilden Jagd die Hüterin der Seelen, Frau Holle, an. Sie wird auch Percht, Berchta oder Holda genannt.
Sie webt die Schicksale der Menschen und ist die Hüterin der Schwelle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Als Herrin der Rauhnächte öffnet sie die Pforten zur unteren Welt und sammelt die rastlosen Seelen der Verstorbenen, der Ahnen und der dunklen Geister ein, um sie in ihr Reich zurückzuholen. Sie sorgt für die göttliche Ordnung auf Erden.
In der Zeit zwischen den Jahren darf nicht gearbeitet werden. Es ruht die Alltagsordnung. Es darf keine Wäsche gewaschen und keinesfalls aufgehangen werden, es darf keine Wolle gesponnen, keine schwere Arbeit verrichtet werden. Es ist eine Zeit der Ruhe und der Einkehr. Ein Innehalten in diesem heiligen Kreis der Zeit.
Wisse, wenn du der holden Frau in der Natur begegnest, solltest du dich still verhalten, ausharren und dich bedecken. Du darfst ihr auf keinen Fall in die Augen schauen. Es wird erzählt, dass es dann ein schwieriges Jahr werden kann.
Achte die holde Frau mit Respekt. Eine kleine Speise, eine Kerze oder ein Räucherwerk, ein wenig Milch oder Schnaps für Frau Holle und ihr wildes Geleit in den Garten oder den Balkon hinausgebracht, befriedet das wilde Treiben ums eigene Haus, ehrt und dankt der Geisterschaar für ihr Tun.
Die Tradition der Rauhnächte hat ihre Wurzeln tief in der vorchristlichen Zeit. Die Menschen hatten keine Kalender, sie orientierten sich an der Natur und am Sternenhimmel. Die moderne Zeit der Rauhnächte wird heute ab dem 24.12. gerechnet, 12 Nächte für 12 Monate. Jede Rauhnacht entspricht einem Monat im neuen Jahr.
Andere rechnen ab dem 21.12., dem Tag der Wintersonnenwende. Die Nacht, in der die Erdmutter den neuen Sonnengott gebiert. Wir haben den dunkelsten Punkt erreicht. Die Erde tritt ein in einen neuen Zyklus, die Sonne wurde wieder neu geboren. Zuerst ist es nur ein Funken, doch der Kreislauf der Natur lässt diesen Funken wachsen. Wieder andere haben eine ganz andere Zeitenrechnung. Fühle in dich hinein, was für dich am stimmigsten ist. Wenn du die Ruhe hast, dich der Stille und der Heiligkeit dieses Moments hingeben zu können, dann passt es. Denn auch die Geister haben keinen Kalender und keine Stechuhren.
Mit Orakeln, Ritualen und dem Aufschreiben der Träume, lässt sich diese Zeit mit schöner Tiefe begehen. Es ist ein Loslassen des Alten und ein Visionieren und Vorausträumen dessen, was im neuen Jahr sein soll. Odin und Frau Holle werden dich hierbei begleiten.
Du kannst deine Rituale mit Räucherungen unterstützen. Hier empfiehlt sich Beifuß als Toröffner zwischen den Welten, Fichtenharz verbindet den Himmel mit der Erde, Wacholder dient Reinigung und Schutz.
Ob Odin auf Sleipnir über den Nachthimmel reitet oder Frau Holle ihren Mantel über dem Land ausbreitet, in beiden archaischen Gottheiten zeigen sich die uralten Kräfte des Wandels, der Grundlage allen Lebens ist.
Wer in den Rauhnächten lauscht, achtsam räuchert und in die Stille eintaucht, kann sie spüren, die wilde alte Kraft, die am Himmel und zwischen den Welten reitet.
Die wilde Jagd ist ein Symbol für Tod, Reinigung und Wiedergeburt. Der Lebenszyklus, aus dem alles hervorgeht.
Möge dein inneres Licht,
durch die Dunkelheit gewandelt,
hell und stark daraus hervorgehen.
Autorin: Manuela Zuber
Bild: MythologyArt auf Pixabay
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