Die Schnitterin

Wie die Sichel gleich zweimal gefallen ist und wie über das Festsitzen im Dorf die verlorene Perle zu mir zurückgefunden hat.

Der längere Familienbesuch in der Ferne bei meinen Schwiegereltern gestaltet sich freudig und dicht zugleich. Ich sehne mich nach einer Pause und so fahren wir für etwas Raum und Rückzug in den Norden des Landes, um ein paar Tage am Meer zu verbringen. In den sanften Wellen tauchen wir ein in einen Moment von Unbeschwertheit. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Auf der Rückkehr von einem kleinen Ausflug nimmt unsere Reise eine abrupte Wende. Ein Auto fährt aus einer Ausfahrt direkt vor unsere Nase. Umhüllt von tausend Schutzengeln riechen wir den Hauch der Endlichkeit. Wie durch ein Wunder bleiben wir alle unversehrt. Nach einer Nacht voller Bürokratie kehren wir mit dem Schrecken im Nacken und grosser Dankbarkeit im Herzen zurück ins Dorf meiner Schwiegereltern. Wir leben!

Hier können wir uns etwas erholen und zugleich schlagen wir uns mit einer doch sehr ungemütlichen Autofirma rum. Während mein Mann sich mit Worten umschlägt, tu ich was ich trotz mangelnder Sprachkenntnisse tun kann. Ich reise im Land der beginnenden Träume und bitte um Schutz und Unterstützung. Neben viel Liebe und Licht für uns und für die Herren, erlauben sich meine Krafttiere einen kleinen Scherz und pflanzen Tulpenknollen in die Unterwäsche der mafiösen Gestalten. Allzu gerne würde ich ihre Gesichter sehen, wenn die Zwiebeln zu spriessen beginnen. Möge etwas Skurrilität ihre Gemühter auflockern. Mir jedenfalls lockt es ein Grinsen ins Gesicht.

Nach ein paar Tagen Erholung im Dorf kommt in mir ein Gefühl von Festsitzen auf. Denn eigentlich wollten wir noch ins bergige Hinterland fahren. Die Sehnsucht nach der wilden Natur, die quasi direkt vor der Nase liegt und doch gerade unerreichbar scheint, macht sich in mir breit. Ich wollte auch die Schnitterin besuchen in den rauen steinigen Hügeln. So beginne ich, die Schranken des Weltlichen zu durchbrechen und reise in die hohen Berge zu einem alten Freund. Da oben in den Felsen breite ich meine Adlerflügel weit aus. Blut tropft aus meinem Gefieder. Es ist das Blut alter Verletzungen. Es sind die Tränen, die nicht geweint, die Wut, die nicht getobt, die Lieder, die nicht gesungen, die Ängste, die nicht gehalten und die Freuden, die nicht getanzt wurden. Wie Tränen fallen die Tropfen aus meinem Gefieder auf den heissen Stein, wo sie verdampfen. Die Sichel fällt und die Wunden der Vergangenheit werden mit einem klaren Schnitt abgetrennt. Das Leben ist jetzt. Ich werde vom Schmerz meiner Geschichte, meines Lebens, meiner Ahn*innen getrennt. Und es dünkt mich, als ob dies zugleich auch weiteren Menschen geschieht. Ein Gefühl von Raum und Frieden legt sich über die Felsen und in mein Herz. Ich kreise über dem klaren Bergsee meiner Geburt und tauche nach der weiss schimmernden Perle, die in der Mitte des Sees auf dem tiefen Grund liegt. Es ist die Perle meines wahren unversehrten Selbst. Ich küsse sie und führe sie zurück in mein Herzen.

Es scheint mir, als wäre mir die Schnitterin in den vergangenen Tagen gleich zweimal begegnet. Wie gut, dass ich als Adlerin geblutet und als Mensch das Geschenk des unversehrten Lebens empfangen habe.

Text und Foto: Petra Meyer

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Christine

    Liebe Petra, deine Geschichte geht mir sehr nahe. Als hätte das Land deiner Schwiegereltern dich um Unterstützung gebeten und die Schnitterin wartete auf eine Gefährtin. Knapp geht es zu, fast wäre und dann doch nicht … vielleicht wird gerade dann das Messer geschliffen. Eine Heilungsgeschichte in den Wilden Bergen, für eine Wilde und ihren Adler und mit schönsten Geschenk für die Wilde Seele. Ich danke dir sehr für diese Tiefe und auch für den Witz mit den Tulpenknollen, herrlich.
    Wilde Grüße, Christine