Die Plastiktüte

Plastiksack und Ruderboot - Siggy Nowak auf Pixabay - Annette Roemer

Neulich sass ich am See.
Der Wind war bester Laune.
Ich nicht.

Weil da so eine depperte Plastiktüte mit dem Wind spielte oder andersrum.
Nicht einfach irgendwo.
Nein.
Die nervige Tüte musste natürlich ständig an mir herumflattern.
Links. Rechts. Dann sogar mitten ins Gesicht.
Klatsch.
Ich hätte sie am liebsten erwürgt.

Und plötzlich musste ich lachen. Früher waren es Menschen, die mich so genervt haben. Seit ich verstanden habe, dass die meisten gar nicht absichtlich gegen mich flattern, hat sich etwas Entscheidendes verändert.

Kennst du die Geschichte mit dem leeren Boot?

Du liegst total gechillt und verträumt in deinem Boot und lässt dich von den Wellen schaukeln.
Plötzlich kracht ein anderes Boot in deins.
Du bist sofort auf 180.
Und dann merkst du, das Boot ist leer.
Mit wem willst du jetzt streiten?

So vieles, was uns trifft, hat gar nichts mit uns zu tun.
Menschen handeln aus ihren Wunden.
Aus alten Programmen.
Aus Stress.
Aus ihrer Überforderung.

Nicht gegen mich.
Nicht gegen dich.

Seit ich das begriffen hab, nehme ich vieles nicht mehr persönlich.
Absolut befreiend, sag ich dir.

Der Wind darf mir um die Ohren blasen.
Menschen dürfen ihre Geschichten haben.
Und ich?
Ich darf entscheiden, ob ich der Plastiktüte meine Aufmerksamkeit und Energie schenke.
Meistens sammle ich sie auf und werfe sie in den nächsten Recyclingsack.
Zack weg damit.

Recyceltes Plastik.
Recycelter Ärger.
Gefällt mir deutlich besser und ich tu was für meine Umwelt.

Und wenn’s dir trotzdem zu viel wird …

Geh raus. In den Wald. An den See. Auf nen Hügel.

Die Natur ist die genialste Recyclerin von Ärger, Schwere und Ballast … vor allem der Wind.

Die ursprüngliche Quelle ist der daoistische Philosoph Zhuangzi (auch Chuang Tzu, 4. Jh. v. Chr.). In seinem Text findet sich das Gleichnis vom Mann, der über einen See rudert und wütend wird, weil ihn ein anderes Boot rammt – bis er merkt, dass es unbemannt ist. Die Pointe: Wut braucht ein Gegenüber, das absichtlich handelt; ein leeres Boot lässt sich nicht anklagen.

Autorin: Annette Roemer
Foto: Siggy Nowak Pixabay

Plastiksack und Ruderboot - Siggy Nowak auf Pixabay - Annette Roemer Spinnerinnen

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