Sie sind eine rotzfreche Bande. Die Nuller-Hexen mit ihren Nano-Besen.
Heute Nacht machen sie ein richtig großes Feuer. Das muss sein. Denn sie haben gerade noch die Kurve gekriegt. Turbulent ging es bei ihnen in letzter Zeit zu. Fast wären sie eine angepasste, rechthaberische und von sich absolut überzeugte Schwesternschaft geworden. Obschon das doch überhaupt nicht zu ihnen passt. Den Nano-Besen hatten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Wie es dazu kam?
Sie flogen auf dem Höhepunkt ihrer spirituellen Unerreichbarkeit weit über sich hinaus. Ohne es zu bemerken. Sie kannten sich mit allem aus. Schamanisch? Germanisch? Keltisch? Am besten alles. Dazu noch ein bisschen Sagen und Märchen und fertig ist die lupenreine Identität. Und sie, die Nuller-Hexen, die nie zu irgendetwas aufgeschaut haben außer zu den Sternen, waren knapp davor, irgendwelche Götter zu rehabilitieren.
Ohne es zu ahnen, öffneten sie damit einem Ikarus-gleichen Absturz Tür und Tor. Schwesternschaft hin oder her. Und es fing erst einmal ganz harmlos an.
Ausgelöst wurde das Ganze durch die Neue in ihrer Hexengruppe. Sie lief irgendwie so mit. Eigentlich verstand sie sowieso nur Bahnhof. Was sie richtig gut konnte, war Suppen kochen. Und das tat sie auch. Für jedes Treffen eine andere. Und wie sie mal wieder in der Küche hockte und darauf wartete, dass die Kartoffeln gar wurden, schaute sie sich ihre Gewürzschublade an. Hier versammelte sich alles Mögliche. Von Schubladen-Organizern hielt sie nicht viel. Der Schubladenboden war übersät mit vielen kleinen Gewürzresten, die sich schon längst zu einer ganz eigenen Kreation vermengt hatten. Das gefiel der Neuen. Überhaupt liebte sie ihre Gewürze aus aller Welt. Ihre ungewöhnlichen Namen. Baharat, Harissa, Za’atar, Currys von scharf bis fruchtig, Kräutermischungen aus Frankreich, Griechenland, Italien … herrlich. Salzkristalle vom Himalaya bis zum Atlantik und aus der Tiefe irgendwelcher Berge. Oder auch die kleinen schwarzen Senfsamen.
Sie liebte es, mit all dem zu spielen. Zu experimentieren. Manchmal ging es auch daneben. Oder es schmeckte nur ihr. Egal. In ihrer Gewürzschublade roch es nach Chaos, Anarchie, Glück und Leidenschaft. Und Weite.
Und genau das erzählte sie den Nuller-Hexen beim folgenden Treffen, nach der Suppe. Und weil es dann plötzlich so ruhig war, plapperte sie einfach weiter. Ob sie denn auch so eine Schublade hätten, was sie denn gerne kochten, ob sie auch so gerne Kopfstand machten – weil dann die Welt so ganz anders aussieht – und dass ihre Großmutter ihr das beigebracht hätte … und warum sie eigentlich Nuller-Hexen hießen …
Die Suppenkelle flog mit Karacho durch die Luft und knallte scheppernd auf den Boden. Die Neue solle endlich ihre Klappe halten. Mit ihrer Küchenphilosophie, mit ihrer bescheuerten Anarchie in der Gewürzschublade, mit ihrem ganzen Getue. Und dann noch die Großmutter. – Was bildet die sich eigentlich ein?
Der Absturz nahm Anlauf.
Wortfetzen flogen hin und her. Stühle kippten nach hinten. Es krachte gewaltig. Nichts mehr mit Toleranz und schwesterlichem Schulterschluss. Aus die Maus. Bald wusste keine mehr, um was es überhaupt ging. Egal. Hauptsache laut. Und es tat ihnen saumäßig gut. Und genau das heizte sie noch mehr an. Sie zofften sich zurück auf ihren Boden. Auf das, was sie eigentlich schon immer ausmachte.
Eine rotzfreche Bande von unbeugsamen Nuller-Hexen. Mit ihrem Eigensinn, mit ihrer großen Klappe, mit ihrer Unabhängigkeit und ihrer Freiheitsliebe. Mit ihrem sauschrägen Witz. Und ihrem wunder-herrlichen Gelächter – über sich und andere. Mit ihrer Leidenschaft für das, was jede so umtreibt. Wo sie hin will. Das war es doch, was sie schon immer faszinierte. Genau diese Mischung lieben sie. Auch wenn es sich manchmal fremd anmutet. Oder komplett konträr. Ihre Herausforderung und Vision ist es, immer wieder bei Null anzufangen. Reset.
Sich erlauben oder es wagen, dass alles auch ganz anders sein könnte. Und dass auch manchmal was so richtig in die Hose geht. So richtig richtig. Doch sie haben die Kurve gekriegt. Dank der Neuen. Ihrer plappernden Gewürzschubladen-Hexe. Sie ist überhaupt ein Superknaller.
Und für alle Fälle haben sie sich Nano-Besen gemacht. Gegen Anhaftungen jeglicher Art. Und für einen kühnen Flug, wenn sie mal wieder so richtig Bock darauf haben, dass etwas grandios in die Hosen geht.
So, und jetzt fangen sie mal wieder bei null an. Mit einem gigantischen, rotzfrechen Feuer.
Text und Bild: Christine Kostritza
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Liebe Christine
Was für ein Genuss, deinen Text zu lesen. Rotzfrech und beherzt. Vielen Dank dafür!💚
Dankeschön Claudia 🧡
Rotzfreche Grüsse zu Dir. 🥳