Der tiefere Sinn

Ist es sinnlos?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder mal, vor allem im Winter, wenn ich auf meine Arbeit des vergangenen Jahres zurückblicke. Zähneknirschend habe ich dabei festgestellt, dass mein oberster, innerer Boss sehr meinem Vater ähnelt. Noch immer. Mit Mitte 40! Was mich besänftigt: In vielen Bereichen gibt er tatsächlich ein ziemlich gutes Vorbild ab, finde ich.

Obwohl er dieses Fach als Diplomphysiker leidenschaftlich gern unterrichtet, hat mein Vater seinen Lehrvorträgen zur Astronomie jetzt den Rücken gekehrt. Er sagt, seine erschöpfliche Energie als Über-Achtzigjähriger werde woanders dringender gebraucht. Woanders, damit meint er seine Vorträge über den Klimawandel, dessen Folgen für uns und wie wir dieser Krise tatkräftig begegnen können.

Ohne dass er es sagt, fühle ich mich kritisiert. Mein innerer Vater prüft mich dann streng: „Wie hilfst du eigentlich dabei, die Menschheit aus dieser Krise zu führen?“ Ich werde klein: Was hilft es schon, wenn ich die Menschen dazu auffordere, Sonne und Mond zu beobachten, ihre Aufmerksamkeit auf die Natur und ihre Zyklen zu richten? Warum mache ich das? Mir kommen Kommentare zu meiner Arbeit, zum Mondrad in den Sinn, die mich frustrieren: „Sieht toll aus, aber dafür lade ich mir doch lieber die App runter, die ist exakter.“

Plötzlich drängt ein glühender Funken in mein Bewusstsein. Ganz rot ist er vor Wut und Entrüstung. „Natürlich macht deine Arbeit Sinn!“, schreit er und hüpft dabei wie Rumpelstilzchen auf und ab. Seitdem ich Tag für Tag das Mondrad vor mir habe, diese runde Vorstellung von Zeit; seitdem ich mich mehr an Sonne und Mond festhalte als an unseren fragilen gesellschaftlichen Systemen, an meinem Kontostand, an meinen neuesten Klamotten … Seitdem ich mich mit den Zyklen der Natur beschäftige, ist die Zeit für mich keine Einbahnstraße mehr, die bei meinem Tod endet. Ich nehme die Zeit als immerwährenden Kreislauf wahr, der mich das gelassener annehmen lässt, was mein persönliches Schicksal ist. Und zugleich weitet diese zyklische Zeit meinen Blick für das Schicksal allen Lebens um mich herum. Diese Vielfalt gilt es zu bewahren und zu retten, nicht mein eigenes kleines kurzes Leben!

Ich bin kein guter Ratgeber, wie man sein Haus am besten dämmt, was man beachten muss, wenn man sich für eine Photovoltaikanlage entscheidet, wie man Trinkwasser sparen kann und wie man Schritt für Schritt energieautark wird. Das alles weiß mein Vater, und übrigens auch der Mann an meiner Seite. Ich bewundere die beiden, bin stolz auf sie und dankbar dafür, wie sehr sie die Zukunft unserer Kinder, Enkel und Urenkel zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Dann streckt sich mein Rücken und ich antworte meinem inneren Vater: „Ich kämpfe für das gleiche Ziel. Nur an einer ganz anderen Front.“

Autorin: Dagmar Steigenberger
Foto: Traudl Steigenberger

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Christine Kostritza

    Liebe Dagmar, das Foto von dir und deinem Vater ist so lebendig, erfrischend und verbunden. Die Offenheit in deinem Text erzählt für mich die Geschichte einer Frau, die sehr ehrlich mit sich umgeht. Anschaut, prüft, abwägt und sich mutig trennt von dem, was nicht ihres ist. Mir gefällt DEIN Weg sehr gut. Sternengruss Christine 🌟

    1. Dagmar

      Liebe Christine, vielen Dank! Das mit dem mutigen Trennen ist so eine Aufgabe, ja … Schön, dass du und ihr Spinnerinnen mich auf meinem Weg begleitet!

    1. Dagmar

      Vielen Dank für deine wertschätzenden Worte, liebe Veronika!