Die Wölfin und der Holzlöffel

Die graue Wölfin sitzt neben mir, während ich jetzt schreibe. Meinen kleinen hölzernen Löffel habe ich gut sichtbar auf den Tisch gelegt.

Es ist mein zweiter Anlauf, einen Text zu formulieren. In der ersten Version hatte ich die Absicht, etwas über den Norden im Medizinrad zu schreiben. Weil die Welt aus den Fugen gerät, weil ich nicht weiß, wohin mit meinem Schmerz, weil der Norden jetzt einlädt, innezuhalten, und weil der Norden das Medizinrad regelt. Doch schon dieser Satz geht zu weit und ich müsste ihn erklären.

Um all dies ging es in meinem ersten Text. Ich holte alles her, was mir dazu wichtig und notwendig erschien: die 4 Winde, die Wölfe, die Ältesten, Mutter Erde, den Schnee, die Ahn:innen, die Kriege und das Grauen, die Erschöpfung, das Aushalten … das Bodenlose.
Einen Satz widmete ich noch der Schatzkammer des Westens, um dann endlich im Norden zu landen. Viel zu viel auf einmal. Und ich merkte es nicht. Im Gegenteil. Ich fühlte mich ganz verbunden mit mir.

Eberhard, mein Mann, liest meine Texte immer als Erster und meinte nach längerem Studieren, dass der Text diesmal etwas kryptisch sei. Und vermutlich würden sich andere Schriftsteller mehr Zeit für die einzelnen Aspekte nehmen.

Danach schickte ich den Text an Annette und Pit. Glücklich und beschwingt ging ich dann mit Eberhard wandern. Leichtfüßig, auf einen unserer Hausberge. Oben angekommen, hatten wir eine fantastische Sicht auf die Allgäuer Alpen und Umgebung. Es war superschön.

Noch am Abend bekam ich von Annette eine Sprachnachricht, ob mein Text ein Rätsel sei, und Pit meinte am nächsten Tag, dass auch ein Rätsel zuerst klarmachen müsse, um was es eigentlich gehe.

Das war mir noch mit keinem meiner Texte passiert!

Habe ich mich so getäuscht? Für mich war inhaltlich alles nachvollziehbar. – Ich möchte herausfinden, wie es dazu kommen konnte. Und ich brauche Unterstützung.

Die graue Wölfin kommt an meine Seite.

Wir kennen uns schon lange. Sie nimmt die Fährte auf. Und sie wird fündig.

Es geht wohl um etwas ganz Persönliches, das ich in meinem ersten Text verarbeitete. Noch hat es keinen Namen. Jedenfalls ist das der Grund für die Dichte und erklärt die hohe Geschwindigkeit. Die Sätze selbst waren ein Konzentrat von vielen Gedanken und Empfindungen. Ein Hineinspüren in meine Ängste und ein inneres Knäuel aus Hoffnung und spirituellen Wegweisern. Diese Dynamik kenne ich so gut. Bei mir dreht sich das Rad dann immer schneller in meinem Kopf. Komplex, analysierend, dann wieder verwerfend … Neue Impulse fliegen mir zu …

Manchmal denke ich ein atemloses Durcheinander und es ist für mich oft eine große Herausforderung, eine Entscheidung zu treffen. Was will gesagt werden? Und was kann ich weglassen? Alles erscheint mir wichtig.

Jetzt liegt mein hölzerner Löffel neben mir. Ich habe ihn erst seit diesem September und er ist für mich ein sehr wichtiges Handwerkszeug geworden. Er kam auf einem Seminar zu mir und ich verstand erst einige Tage später, wofür er mir dienen kann.

Seine Rundung passt genau in meine Handfläche und in zauberhafter Weise wird es in mir, im Kontakt mit seinem Holz, ruhiger. Ich spüre mich besser. Dieser wunderbare Holzlöffel hilft mir, mein Innen und mein Außen zu portionieren. Ich erlebe in meinem Körper nach kurzer Zeit das Zuviel. Ich spüre meine Grenze. Ganz klar und eindeutig.
Auf dem Seminar schenkte er mir außerdem eine kostbare Medizin: Ein Teil Schmerz und Betroffenheit und drei Teile Spiel und Leichtigkeit. Diese Löffelrezeptur ist noch ganz neu für mich.

Bei meinem ersten Text war der Löffel nicht an meiner Seite! – So bin ich auch! Einfach vergessen.

Die graue Wölfin schaut mich an. Sie hat mir vor Jahren den Rat gegeben, dass ich ein Rudel brauche. Und dieses Rudel habe ich auch gefunden. Nährend, zuverlässig, liebevoll, mutig und neugierig.

Hier gibt es Menschen, die mich fragen: Was ist eigentlich los mir dir? Wie bist du zu diesem ersten Text gekommen?

Erzähl‘ mal!

Und ich erzähle.

Auf der anderen Seite der Leitung ist es still. Bis ich fertig bin. Und weil es so eine zugewandte Stille ist, finde ich im Erzählen etwas bis dahin Verborgenes. Tief in mir drin. Ich habe diesen ersten Text für mich geschrieben. Habe meinem Schmerz zugehört und bin auch einer archaischen Angst begegnet, die mich als Frau betrifft. Von daher war ich einfach froh, als der Text fertig war. Erleichtert. Das ist und war der eigentliche Grund für meine Atemlosigkeit. Das Rätsel löst sich. Das Kryptische atmet durch. Ich habe Zeit. Und ich besitze einen hölzernen Löffel.

Mein erster Text ist für mich wichtig. Er ist ein Gefäß, gefüllt mit vielen Geschichten, eine wilde Mischung von Möglichkeiten und auch ein Spiegel, wie ich ticke. Ich mag meine Geschwindigkeit und meine konzentrierten Gedankenschnörkel. Das bin ich auch. Für mich selbst passt das. Erst einmal alles wirbeln lassen und dann meinen hölzernen Löffel in die Handfläche legen. Und hineinhorchen. Mit dem Rudel atmen. Den Kreis spüren. Die Unterstützung genießen. Ein Anliegen in die weiche Rundung meines hölzernen Löffels summen.

Die graue Wölfin ist ganz nah bei mir. Sie hat mich zu einer kostbaren Medizin geführt.

Das Zuhören!

Was für ein großes Geschenk.

Rudel-Gold vom Feinsten.

Der erste Schnee begrüßt den Norden. In den Pfotenabdrücken der grauen Wölfin tanzen kleine Lichter. Hell und warm.

Autorin: Christine Kostritza
Bild: Eberhard Dederer

Und noch viel mehr von und über Christine findest du hier

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