Der Grüne Mann

Der Grüne Mann

In längst vergangenen, bald wiederkehrenden Zeiten lebte ein König inmitten von unendlichem Reichtum. Gold, Silber, Edelsteine, Getreide, Fleisch … die Kammern in seiner Burg quollen über. Eine klitzekleine Sache schmälerte allerdings seinen Reichtum, und das war: seine Angst vor dem Ende. Vor dem Tod.

Weil er das Ende draußen vor seinen Burgmauern vermutete, dort wo die Wilden in den Wäldern hausten, setzte er alles daran, diese Mauern zu verstärken. Und wie es so ist, wenn man vor etwas Angst hat: Man zieht dieses Etwas magisch an, umso stärker, je mehr man dagegen ankämpft.

Zum König kam das Etwas in Gestalt eines Loches. Zuerst ganz klein, sodass es ihm fast nicht aufgefallen wäre, hätte nicht seine Angst ihm stetig Warnungen zugeraunt.

Kaum merklich, aber doch ein winziges Bisschen vom königlichen Reichtum rieselte durch ein unbekanntes Loch in den Mauern. Wie Sand durch eine Sanduhr. Panisch ließ er das Loch suchen. Doch je länger seine Diener in den Schatzkammern nach einem Loch wühlten, desto größer schien das Loch zu werden. Immer mehr verschwand auf Nimmerwiedersehen – und immer größere Dinge.

Da ist etwas faul dran, flüsterte ihm seine Angst zu. Und tatsächlich: Die üppigen Speisen in seinen riesigen Vorratskammern; sie faulten. Wieder waren Löcher schuld daran. Löcher, durch die das Wasser eintrat, und mit ihm die Verwesung.

Dann, endlich, war der Übeltäter gefasst. Oder besser: die Übeltäterin! Man zerrte sie vor den König, die Wilde von draußen aus dem Wald. Mit spitzen Fingern, denn sie starrte vor Dreck. Verfilzte Haare – oder war es ein Fell? Ungeschnittene Fingernägel – oder waren es Krallen? Um den Mund herum dreckverkrustet – oder war es das Blut ihrer letzten Mahlzeit? Das Grusligste aber waren die Hörner, die zwischen den Haarbüscheln aus ihrem Kopf herausragten.

Mit dunklen, wilden Augen blitzte sie den König an, das unverschämte Weibsbild. Während er selbst es kaum wagte, seinen Blick auf dieses abscheuliche Wesen zu richten. Und doch, irgendwie … zog sie ihn magisch an. Er ließ sie einsperren. Nicht töten, denn irgendetwas hatte sie an sich, was seine Gier erregte. Er ließ sie waschen und kämmen. Auch ihre Krallen sollten geschnitten werden, doch diesen Versuch überlebte der Diener nicht und ein Zweiter weigerte sich, die gefährliche Angelegenheit zu übernehmen.

In den Nächten schlich der König hinunter in den Kerker, um die Wilde heimlich durch die Gitterstäbe zu betrachten. Nun, da sie halbwegs sauber war, musste er zugeben: Sie war schön. Auf ihre Weise. Natürlich, sie war eine Missgeburt, die gebogenen Hörner auf dem Kopf entstellten sie. Aber je weiter seine Augen nach unten wanderten, desto mmmh …. desto heißer pulsierte dem König das Blut durch seinen üppigen Leib.

Sein Reichtum sickerte im Übrigen weiter dahin, doch das schien den König nicht mehr zu kümmern. Er wollte nur noch eines: diese Frau besitzen! Dieses wilde Weib aus dem Wald, das sich erdreistet hatte, ihn zu bestehlen!

Eines Nachts konnte er nicht mehr an sich halten. Er stieg zu ihr. In ihren Kerker. Nahm sie sich mit aller Gewalt, die er seltsamerweise nicht anwenden musste, denn sie ließ ihn gewähren. Mit teilnahmslosem Blick. Ha, hatte er ihre Wildheit gebrochen?! Hatte sie gezähmt, sie willig gemacht? Nein, vermutlich war sie seiner Macht einfach erlegen. Seiner stolzen königlichen Pracht. Ja, so war es, so musste es sein. Das Weib war verliebt in ihn. Jetzt lächelte sie sogar, wühlte zärtlich in seinem Brusthaar. Dem König taumelten die Sinne vor Verzückung. Mit einem Ruck befreite sie sich von ihm und schlängelte in eine Ecke des Raumes, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Welch süßer Schmerz durchzuckte den König da, als er sie freigab.

Die Wilde führte ihre Hand zu ihren Lippen und leckte an einer Frucht. Dann biss sie lustvoll zu … woher hatte sie diese ungewöhnliche Speise? Egal, der König hatte nur Augen für ihre nackten Brüste, auf die der rote Saft herabtropfte. Ihn dort aufschlecken, was für ein Genuss musste das sein!

Der König wollte diesen Genuss gerade kosten, da durchfuhr ihn erneut ein heftiger Schmerz. Er fasste sich ans Herz, dorthin, wo der Schmerz wie eisige Luft hineinzog. Und griff ins Leere. Entgeistert starrte er die Wilde an, die in diesem Moment den letzten Brocken hinunterschlang. Nun wischte sie sich mit dem Arm über den rot verschmierten Mund. Grinste zufrieden und stellte dabei ihre spitzen Reißzähne zur Schau, von denen das Blut des königlichen Herzens troff.

Bevor sie sich zum Gehen wandte, warf sie dem sterbenden König eine Handvoll zu. Waren es Kiesel, waren es Nüsse? Jedenfalls trafen einige von ihnen mitten ins Loch, wo einst sein Herz so zuverlässig geschlagen hatte. In seinem Todes-Delirium glaubte der König, Worte des Abschieds aus den tierischen Lauten der Wilden herauszuhören. Oder war es ein Zauberspruch? Dann schwanden ihm auch die restlichen Sinne. Er stürzte hinein in die Nacht seiner Seele. Zeit- und raumlos. Ewige Stille und zugleich das tausendfache Gegurgel von Sickerwasser, das tiefe Raunen der Wurzeln. Der trommelnde Pulsschlag der Erde.

Zart war das Pflänzchen und mutig, als es sich langsam, ganz langsam seinen Weg bahnte. Durch verfallende Mauern hinauf zum Licht, und zugleich tief hinunter in den sicheren, nährenden Schoß der Erde. Es brachte Heilung. Mit jedem Jahr, das sein Stamm kräftiger wurde, wurde das Loch ringsum kleiner. Bis sich irgendwann die Rinde schützend über die Narbe wölbte, sie überwulstete und schließlich ganz bedeckte.

Er öffnete die Augen. Staunte über das viele Grün um sich herum. Zwischen den Blättern blinzelte mal die warme Sonne hindurch, mal glitzerten tausend Sterne. Er schloss die Augen wieder, Schnee fiel vom Himmel und bedeckte ihn während seines Schlafs. Als er aufwachte, war es wieder warm und die Vögel zwitscherten lauthals um die Wette. Eichhörnchen zuckten durch die Zweige. Das Leben um ihn herum bewegte sich so rasend schnell! Er selbst brauchte Monate, um einen Arm zu heben. Oder den Kopf zu drehen.

Glücklicherweise brauchte er nicht viel. Es reichte ihm, den Regen zu schmecken, den Duft der Bäume einzuatmen, den Gesängen des Waldes zu lauschen, sein Gesicht nach den Gestirnen zu wenden und seine Hände tief in die saftige, weiche Erde zu graben. Und, ja: seinen Herzschlag zu spüren! Das langsame, kraftvolle Pulsieren der Säfte in seinem Inneren. Das war ihm das Kostbarste überhaupt.

Er teilte sich das Herz mit einem Baum.

In letzter Zeit bekam er regelmäßig Besuch. Das war aufregend. Eine Gruppe von Zweibeinern scharte sich um ihn, manchmal streichelte eine behutsam seine Arme und Beine. Ein anderer bettete seinen Kopf auf Moos und schmückte ihn mit allerlei bunten Dingen. Dann bildeten sie einen Kreis um ihn und erzählten Geschichten. Es waren immer wieder die gleichen Geschichten. Und so verstand er nach und nach deren Sinn. Am liebsten hörte er jene vom König, der hier einst in einer riesigen Burg gehaust hatte und besessen gewesen war von seiner Gier, bis ihn eine Frau mit Hörnern – sie nannten sie ehrfürchtig die Urmutter – erlöst hatte.

Als er zum ersten Mal das Ende verstand, schüttelte es ihn vor Rührung, sodass die Zweibeiner panisch flohen. Doch sie kamen wieder, und dieses Mal bemühte er sich, ruhig zu bleiben bei den letzten Worten der Geschichte, in denen sie ihren Ahnen dankten: der Urmutter und dem König des Waldes, ihrem Urvater.

Text und Illus: Dagmar Steigenberger
Bilder: Dagmar Steigenberger sowie Woong Hoe, Virvoreanu Laurentiu und Felix Ulich von Pixabay

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Karin

    Hallo Dagmar, – wow – so eine tolle und tiefgehende Geschichte – bin ganz weg – Danke für`s Teilen! Grüße Karin