Das wilde Tal

„Schreibe, als wäre deine Haut das Papier – du hast sie vom Baum gepflückt und kleine Knochen hineingewoben. Der Sommerbach hat dich in deine Zugehörigkeit getauft und im Herbstgewitter hast du deine Erde und die deiner Ahnen bestätigt.“

Aus einem Traum heraus bleiben diese Sätze zurück. Wir sind gerade erst von unserer Reise zurückgekommen und ich habe gar keine Muße und Zeit, irgendetwas zu schreiben. Dieser Satz löst sich auf, bevor ich ihn zu Ende gedacht habe.

Und schon taucht es auf, dieses wilde Pyrenäental. Genau hier wollten wir hin. Wie gerne würde ich jetzt Bögen von Papier füllen mit Wildwüchsigem, von Knochenliedern schreiben, die die Reisende in mir beglückwünscht hätten. Doch genau hier, in diesem Land mit seinen tiefen Schluchten und uralten Wegen, geschieht etwas ganz anderes. Kein sanfter Übergang erlaubt eine Ahnung, meine Haut kribbelt, bevor dieser tief unten liegende Canyon auftaucht. Seine Schönheit ist atemberaubend und dann packt mich eine Angst, die mir unter die Haut geht. Ich zittere innerlich, spüre einen Sog in die Tiefe und wende mich abrupt ab. In meinem Kopf wirbeln sämtliche Konzepte, Erfahrungen und Möglichkeiten durcheinander. Auch Scham, dass ich nicht so stark bin, wie ich gerne wäre oder hoffte zu sein.

Wieder zurück in der „Zivilisation“, ebbt das Zittern nur langsam und nur scheinbar ab.

Mitten in der Nacht kommt das wilde Tal zurück und eine wortlose Panik erfasst mich. Schreiende Enge, die mir im Hals stecken bleibt, bodenloses Fallen – Todesangst, Ausgeliefertsein und innere Erstarrung. Ich atme, versuche dem einen eigenen Rhythmus entgegenzusetzen. Bin kurz davor, Eberhard zu wecken. Diese Todesangst hat eine mir unbekannte Wucht. Weit, weit weg taucht ganz schwach ein Fuchs auf. Das Bild kommt und geht und in einem flüchtigen Erkennen weiß ich, dass dann auch irgendwo ein kleines Mädchen sein muss, das jede Hoffnung aufgegeben hat. Aber genau diese beiden sind doch bei einer wunderbaren, feinen Seelenrückholung erst vor kurzem zurückgekommen! Ich werde etwas ruhiger, die Erstarrung fädelt ein paar Worte auf – erschöpft schlafe ich wieder ein.

Am Morgen fühlt sich mein Bauch an wie nach einem langen Weinen. Ich kann ein bisschen darüber sprechen – das Zuhören gibt mir den Boden zurück. Doch das Beben bleibt, die Unruhe treibt mich um.

Die kleine Trommel ist neben mir, ich könnte eine Reise machen… nichts greift, alles scheint mir unter den Händen zu zerrinnen.

Ich muss raus, in die Natur, an den Fluss, der zwei Länder verbindet. Der Fuchs ist in meiner Nähe –   soll ich einen Schwellengang wagen mit so wenig Zuversicht in mir?  Die kleine Rassel, gerade noch rechtzeitig in die Tasche gesteckt, die Schwelle vergessen, nochmal zurück…

Das Rauschen wird lauter, das Gebüsch teilt sich, meine Schwellenfrage habe ich gestellt und die Wesen in diesem Land um Unterstützung gebeten. Die Zweifel, tatsächlich eine Antwort zu bekommen, habe ich erst einmal in die Hosentasche gesteckt.

Dicke Wurzelstränge reichen bis in den Fluss hinein, laden ein, mich auf ihnen niederzulassen. Ich genieße das kalte Wasser an meinen Füssen.

„Schutz“, tönt es aus dem alten Geflecht. Brauche ich mehr Schutz? Ich gehe weiter, ein scharf gewundener Stock zieht mich an. Er liegt zur Hälfte im Bach, ich ziehe ihn heraus. Was für ein ungewöhnlicher Stock! Gleich zweimal wechselt er seine Wuchsrichtung und ist Buchstabe und Pfeil zugleich. Ich wasche ihm die sandige Rinde ab und nehme ihn in die Hand.  Augenblicklich zieht es mich mitten in den Fluss. Als wäre er eine Wünschelrute. Und ich spüre sofort, wie stimmig dieser Platz ist. Ich lausche dem rauschenden Flusslied und schließe meine Augen. In meinem Rücken spüre ich eine vertraute Wärme, eine Kraft, die immer da ist – meine Ahnen-Wurzeln.

Die wilden Täler, die tiefen Ängste fügen sich zusammen und ich erkenne mich in diesem Spiegel.

Die festgezurrten Gefühle des kleinen Mädchens, das viele Wochen alleine in einer Klinik, in einem fremden Land war, wollen gefühlt und gesehen werden. Jetzt kann ich es zulassen.

Der Fuchs, das Mädchen und ich stehen im Fluss!

Dieses neue Bündnis schreibe ich auf meine Haut.

Text: Christine Kostritza
Fotos: Christine Kostritza, Fuchs – Free-Photos auf Pixabay

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