Heut Morgen ging ich auf Schwelle. Am Seerhein begegnete ich dem Biber beim Frühstück. So nah war ich ihm noch nie. Ich bewunderte seine gelassene Betriebsamkeit und seinen Appetit auf eingeweichter Rinde von jungen Ästen.
Er schien zu sagen: „Schau mir gern beim Fressen zu, aber komm nicht näher.“ Doch in meiner Freude und Unüberlegtheit machte ich beim Filmen noch einen kleinen Schritt nach vorne. Hatte ich seine Grenze überschritten? Ja. Der Biber schwamm ein Stück davon. Ich blieb stehen und machte wieder einen Schritt zurück. Er sah es und wenige Augenblicke später kam er wieder. Danke für diese klare Lektion. Sorry, Biber.
Der Biber erinnert mich daran, wie wichtig es ist, Grenzen wahrzunehmen und auch einzuhalten, die der Natur und die eigenen. Er baut nicht gegen die Natur, sondern mit ihr. Mit Geduld, Ausdauer und erstaunlicher Schaffenskraft erschafft er Lebensräume, in denen unzählige Tiere und Pflanzen ein Zuhause finden. Wo Biber werkeln, entstehen Feuchtgebiete, die Wasser länger in der Landschaft halten, Hochwasser abbremsen und in trockenen Zeiten wertvolle Wasserspeicher auch für die Erdkrötenkinder sein können.
Kann der Biber die Ufer unserer Bodenseegewässer vor dem Austrocknen schützen? Ich glaube nicht allein. Aber er ist ein wichtiger Verbündeter. Jeder Bach und jedes Feuchtgebiet, das durch den Biber wieder lebendig wird, hilft der Landschaft, Wasser zu halten.
Als Krafttier lädt uns der Biber ein, geduldig und überlegt zu bauen, statt zu hetzen, unsere Energie klug einzusetzen und Schritt für Schritt etwas zu erschaffen, das Bestand hat und auch Schwankungen standhält. Er erinnert mich daran, dass echte Veränderung nicht schnell sein muss. Sie entsteht durch beständiges Wirken, Ast für Ast. Genau so, wie eine Spinne immer wieder ihr Netz neu webt.
Heut war der Biber mein Schwellenlehrer. Mit einer einzigen kleinen Bewegung zeigte er mir, wo seine Grenze ist, und erinnerte mich daran, wie leicht wir Menschen sie manchmal übersehen.
Filmle und Text: Annette Roemer
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