Bei den Himbeeren

Gerade ernte ich jeden Tag frische Himbeeren. Bei achtzig Stöcken ergibt das eine schöne Menge. Was allerdings zweitranging ist. Mir geht es um die Zeit, die ich mit den Himbeeren verbringe. Eine ganze Menge Zeit!

Die Arbeit ist seit Wochen dieselbe, was heisst, ich kann wunderbar mit der süssen Himbeere plaudern. Süss und rot, aber nicht ohne Pikser. Himbeersträucher haben kleine, fiese Stacheln, die sich in die Pflückhände eingraben und dann schlecht zu finden sind.

Während ich Stück für Stück in kleine Kartonschalen lege, frage ich sie, was sie mir heute erzählen möchten. Die kleinen roten Früchte plaudern von Süsse und Sommer, von Lebensfreude, Liebe und Fruchtbarkeit. Und von der Tatsache, dass die Himbeere sich durchsetzen kann. Durchaus auch mit Pikser.

In mir steigen Bilder auf von Himbeerplantagen unter Plastik, die Beeren in Plastikschalen geerntet, ohne Regen, ohne Sonnenlicht, ohne den Wind, der durch die Blätter streicht. Aber riesige, wohlschmeckende Himbeeren, ohne Zweifel. Alles darf seinen Platz haben.
Nur die Botschaft dieser Beeren wird nicht dieselbe sein, wie die einer süssen, roten, von Wetter und der puren Natur beeinflussten Himbeere. Schöpferische Kraft, unschuldige Süsse und durchaus fähig, sich durchzusetzen.

Meine Sträucher stehen in Wind und Wetter und nehmen so die ganze Energie der Jahreszeiten in sich auf. Das schmeckt definitiv anders als eine Pflanze, bei der die ganze Aufmerksamkeit des Besitzers auf einen maximalen Ertrag fokussiert ist.

Der Geschmack meiner Himbeeren unterscheidet sich je nach Wetterbedingung total. Nach dem Regen sind die Früchte fast samtig im Mund. An heissen Sommertagen dominiert die typische Süsse. Im Herbst, wenn am Morgen Nebel über dem Land liegt, schmecken sie nochmals anders. Irgendwie rauer.

Die Echtheit einer Beere, die mit dem Wetter gewachsen und gereift ist, deswegen auch mal unperfekt sein kann und trotzdem vollkommen Himbeere ist, diese Echtheit macht den Unterschied.

Echt sein ist nicht sehr populär, weil selten perfekt.

Ich mag es, vom Wetter, vom Leben beeinflusst zu werden.
Und ich bin sicher nicht perfekt!
Was auch nicht mein Fokus ist.

Echt passt perfekt für mich.

Und du, alles Himbeere, oder was?

Autorin und Foto: Claudia Burren

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