Augenblick der Gnade

Augenblick der Gnade - Thea Unteregger - Spinnerinnen

Es gibt diesen Moment
in dem ein starker Regenguss irgendwo hoch oben in den Dolomiten endet, bevor ein Hang ins Rutschen kommt.
Das gibt dem Wasser Zeit, tiefer zu sickern. Die Wurzeln der Bäume können weiterwachsen und sich stabil vernetzen. Das liegengebliebene Geröll kollert in die ausgespülten Rinnen und ermöglicht es dem Wasser, sich in Zukunft leichter zu verteilen. Es ist der Augenblick, in dem die Alpenbraunelle ihren Sommerpartner erspäht und der junge Grashüpfer endlich den lang ersehnten Sprung hinauf auf den Aussichtsfelsen schafft.

Genau im selben Moment
setzt sie sich auf die neue Schaukel und schwingt sanft vor und zurück. Ihr Enkel hat sie auf ihren Wunsch hin erneuert, mit einem breiten Sitzbrett in genau der richtigen Höhe. Diese Schaukel unter der Linde hat ihre Kinder und Enkelkinder getragen – jetzt sind sie alle erwachsen und aus dem Haus. Nun gehört sie ihr. Sie lacht leise und stößt sich ein wenig vom Boden ab. Schon der feine Windhauch bewegt ihre feinen, weißen Haare. Sie schüttelt sie und schaukelt ein bisschen höher. Ihre Beine strecken sich ganz von selbst nach vorne und ziehen nach hinten. Sie fliegt noch höher und ihr befreites Lachen schallt durch den Garten.

Zugleich
atmet er kontrolliert aus. Er ist am kleinen Teich angelangt, hier ist alles ruhig. Rasch sieht er auf seine Uhr: Seine Laufzeit ist top, sein Puls auch, alles perfekt. Da glitzert etwas auf der Wasseroberfläche, und ohne nachzudenken läuft er zum Wasser hin. Die Abendsonne tanzt über die kleinen Wellen und treibt ihm die Tränen in die Augen. Sie rinnen über seine Wangen. Er kann sie spüren, seine Trauer, von der er gar nicht weiß, dass sie überhaupt da ist. Jetzt kann er sich nicht mehr wehren, sich ablenken, sich auspowern. Jetzt ist sie da. Seine Hände werden schlaff, seine Nase läuft; zitternd saugt er die Luft ein und schließt die Augen. Ein Meer aus Traurigkeit fließt durch ihn zu dem kleinen Teich. Er schluchzt und beugt sich nach vorne, stützt die Hände auf die Knie. Er lässt los und weint wie noch nie in seinem Erwachsenenleben.

Im gleichen Augenblick
stellt sie ihre Gießkanne ab und beschließt, nicht mit ihrem Lieblingsonkel mitzufahren. Er hat ihr einen riesigen Eisbecher versprochen und ihr gesagt, wie hübsch sie ist und wiederholt, dass sie ein ganz besonderes Mädchen ist für ihn. Dabei hat er unablässig über ihren Po gestreichelt und sich gar nicht aufs Vorlesen konzentriert wie sonst.
„Ich habe Bauchweh“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Dann läuft sie zu ihrer Mutter und versteckt sich hinter ihrem Hosenbein.
In diesem Augenblick versteht die Mutter, dass hier etwas nicht stimmt. Scharf sieht sie ihren Schwager an. „Meine Tochter kommt nicht alleine mit dir. Wenn, dann besuchen wir dich gemeinsam“, sagt sie entschieden. Der Onkel wird eine Spur blasser und zuckt mit den Schultern.

Gleichzeitig
brüllt der Hauptmann: „Raus hier! Alle raus hier!“ Er hat einen Tuchzipfel der verschreckten Frauen unter dem Türspalt erspäht und hört ihren raschen Atem. Wenn sie nur ruhig bleiben! Sollten seine Männer auch nur einen Laut hören, sind die Frauen verloren. Die Soldaten sind so mit Drogen und Aufputschmitteln vollgepumpt, keine von ihnen würde die Vergewaltigungen überleben.
Es reicht ihm. Für heute hat er genug vom Krieg. Maulend ziehen sich seine Männer aus dem ärmlichen Bauernhaus zurück, nehmen noch einen Laib Brot mit, der auf dem Tisch liegt, zerschlagen einen Krug mit Wasser, reißen die Haustür aus ihren Angeln und werfen die Blumentöpfe auf dem Hof um. „Es reicht!“, schreit er mit voller Lautstärke. „Wenn ihr eure Ärsche nicht sofort in die Jeeps bewegt, mache ich euch Beine!“ Der Hauptmann sieht über die Schulter zurück. Die meisten Blumentöpfe stehen noch.

Zur selben Zeit
lässt sie sich mit einem Seufzer in einen Sessel auf dem Balkon sinken. Sie wartet auf ein Paket und hier kann sie die Klingel gut hören. Das Paket ist nicht mal für sie selbst, sondern für ihren erwachsenen Sohn. Sie legt die Beine hoch auf das Balkongeländer. Das tut gut. Sie benutzt diese „Sessel zum Chillen“ nie, hat immer zu tun. Telefoniert, während sie die Wäsche faltet, formuliert innerlich eine Antwort auf eine E-Mail und räumt zugleich das Geschirr aus der Spülmaschine. Sie wackelt mit den Zehen. Eigentlich ganz bequem, diese Sessel. Sie holt tief Luft. Sie spürt ihre Erschöpfung unter der geschäftigen Oberfläche. Hier kann sie ihre Sehnsucht nach Ruhe wahrnehmen. „Zehn Minuten“, denkt sie plötzlich. „Zehn Minuten in diesem Sessel täglich müssen sich ausgehen für mich!“ Sie lehnt ihren Kopf zurück und schließt die Augen. „Zehn Minuten täglich ab heute, das verspreche ich mir.“

 

Autorin und Collage: Thea Unteregger

Und hier gibt’s noch viel mehr von und über Thea

Praktisches, alltagstauglich und schwellenwirksam gibt's bei uns im Lädeli

Schreibe einen Kommentar